Literatur des Expressionismus Robert Musil

dynamisch

"Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen, wie Menschen." [R. Musil]

Stilmittel des Expressionismus Friedrich Nietzsche

transitiv

"Wenn man nicht feste, ruhige Linien am Horizont hat, so wird der innerste Wille selbst unruhig." [Nietzsche]

Literatur des Expressionismus

laut

"In einer Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung." [O. Wilde]

Bertolt Brecht und der Stil des Expressionismus

berauschend

"In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung." [B. Brecht]

expressionistische Literatur

lebendig

"Fragend, findet man die Stadt. [Anonym]"

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19.5.17

Der Expressionismus und der erste Weltkrieg

Einführung:

Ich beginne den Artikel mal mit zwei Zitaten: 

"Jetzt verlöschen die Lichter in ganz Europa" (Edward Grey)

"Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. - Nachmittags Schwimmschule" (Franz Kafka).

Das erste Zitat stammt vom Außenminister Großbritanniens, das zweite vom Prager Schriftsteller Franz Kafka. Ich möchte an dem Zitat zeigen, welche Perspektiven zum ersten Weltkrieg herrschten. Besonders interessant scheint der Ausspruch von Kafka zu sein. Er hebt ein Weltereignis auf dieselbe Stufe mit einem belanglosen Alltagserlebnis. Das tut er nicht ohne Geringschätzung. Aber mit dieser Vereinfachung des Problems, ist er einer der wenigen Schriftsteller, die den Krieg völlig ignorieren wollten.

Das erste Zitat stammt von keinem Schriftsteller, aber es fasst wesentlich besser zusammen, welcher Ruck durch die Kunst ging, als der Krieg begann.

Der Expressionistische Stil wurde durch nichts so stark beeinflusst wie den Ersten Weltkrieg. Aber die Quelle seiner Entstehung ist dieselbe, die auch den Krieg selbst entstehen lässt. Das Ergebnis ist einmalig - für die Kunst - für die Menschheit blieb es das leider nicht. Ich möchte in einer detaillierten Erklärung die Entstehungsgeschichte des Expressionismus aufzeigen.


Beginn der Moderne: Der Lord-Chandos-Brief

Ein tragenden Beispiel, dass in der Literaturwissenschaft als Beginn der Moderne angesehen wird ist der sogenannte "Lord-Chandos-Brief" von Hugo von Hofmannthal (1902). In diesem erfundenen Brief an eine historische Persönlichkeit schildert der Autor, dass er nicht mehr im Stande ist, sich literarisch zu betätigen. Das Schreiben ist ihm unmöglich geworden. Aber warum? Der Brief deutet in ersten Ansätzen an, was die Menschen in der Moderne beschäftigt. Wir haben begonnen unser Leben selbst in die Hand zu nehmen, wir sind selbstbestimmt und frei. Die Kirche hat ihren Einfluss verloren, an die Stelle von Gott ist, ...niemand getreten. Und genau liegt der Grundkonflikt. Alles was der Mensch vorher ungefragt übernehmen konnte, was ihn dazu brachte sich ganz zu fühlen, ist verloren. Stattdessen brechen alle Dinge über einen herein, das tausendfache an Möglichkeiten getrieben von einer unglaublichen Entwicklung gesellschaftlich, kulturell und technisch, dass einem schwindelig wird. Er schreibt ihm sei "...völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen...". Es wird ihm unwohl Worte wie Geist oder Seele auszusprechen. Denn erstmals fällt dem modernen Menschen auf, dass er deren Bedeutung niemals erfasst hatte. Die Instanz die das erledigte, sei es Gott oder ein Herrscher der alles unter Kontrolle hält, sind verloren. Weil es ihm unmöglich wurde, diese Gedanken zu Ende zu führen, beginnt er sich selbst fremd zu fühlen. Aus der Sinnkrise entwickelte sich später bei den Expressionisten eine regelrechte Ich- und Identitätskrise.


Fehlgeleitete Moderne

Die Moderne hatte allgemein keinen guten Stand. Von den Künstlern des Futurismus wurde die Moderne als uneingeschränkte Bejahung des technischen Fortschritts gefeiert. Aber der Beginn der Moderne um die Jahrhundertwende hinterließ meistens ein Gefühl der Leere oder der Ohnmacht bei den Menschen. Das Bewusstsein - das ist die Moderne, hier hat sie begonnen - entstand nicht selten aus einer negativen Haltung heraus.

europäische Sinnkrise

Schon vor Beginn des Krieges, mit dem Beginn der Moderne war Europa von einer Sinnkrise erfasst worden. Sie bildet die Grundlage all dessen, was später geschehen sollte. Es kamen Fragen auf, die die gesamte westliche Zivilisation in Frage stellten. Man muss sich vorstellen, in den Jahrhunderten davor war es normal, dass der Sohn eines Arztes auch Arzt wurde, oder Sohn eines Pfarrers denselben Berufsstand antreten sollte. Weil die Welt klein und in sich geschlossen war. Niemand fragte nach dem Warum. Doch die Moderne, allem voran die Technik, begann damit die Menschen zu entgrenzen, räumlich aber auch kulturell. Schau was die Welt mir alles zu bieten hat, so viel, dass ich es nicht fassen kann. Im Allgemeinen beschreibt das ein Lebensgefühl was uns heute völlig selbstverständlich ist. Aber auch heute spüren wir manchmal den Schmerz, die Unsicherheit, die daraus resultiert. Wer sind wir? Wohin gehen wir? Wer diese Fragen zu weit spinnt landet in einer Depression. Und nichts anderes fand in einer gesamten Zivilisation statt. Das ist gelinde gesagt, eine Katastrophe.

"Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte! Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden" (Thomas Mann)

Eine Krise beginnt mit einem Problem, einem schwerwiegenden, das man zu lösen versucht. Und die Lösung, die man dachte, wäre eine Reinigung von allem. Seit Jahren hat man damit begonnen, den Nationalismus aufleben zu lassen. Nahezu jedes Volk in Europa wusste es, die eigene Stärke und Überlegenheit zu betonen. Hinzu kommen die genannten Probleme die dahin führten, dass man der Welt die einen umgab überdrüssig wurde. Das funktionierte so, dass man den Schmerz der Moderne spürte und als Verlust wahrnahm, aber ebenso war den Menschen bewusst, dass sie unwiederbringlich etwas verloren hatten. Und all das was dem nicht entsprach, was dem Zeitgeist fremd war, wurde als veraltet überholt und verachtenswert empfunden. Ich möchte nicht sagen, dass die Moderne nur negativ empfunden wurde, das wäre völlig falsch. Sie bot den Menschen Möglichkeiten der Entwicklung, beschleunigte die Welt, vergrößerte das Wissen und änderte grundlegend das Bewusstsein.

Leute begannen sich zu langweilen, das Bürgertum, das Geordnete entsprach einer vergangenen Wirklichkeit. Und manch einer weiß, wohin Unsicherheit plus Langeweile führen, man kennt das von Pubertierenden - zu Aggressivität. Nichts anderes war der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Man hatte keine Ahnung, was danach passieren soll, aber dass etwas passieren muss war gewiss.

Den Höhepunkt dieser Entwicklung finde ich in folgendem Zitat wieder:

"Selbst wenn wir darüber zugrunde gehen, schön war's doch!" (Erich von Falkenhayn)


Rebellion und Identitätskrise im Expressionismus

Der aufkommende Expressionismus und dieser entstand bereits vor dem Ausbruch des Krieges, formierte sich als Kritik am gesellschaftlichen Normensystem. Das Bürgerliche hatte man sich zum Feind erklärt. Ich denke da dem Expressionismus vor allem junge Künstler verfallen waren, Kinder der Moderen, steht das Gewand des Expressionismus ein Stück weit in der Tradition jugendlichen Aufbegehrens gegen die Eltern und Väter. Diese Haltung markiert auch den Beginn einer neuen Generation und nicht selten (wenn nicht sogar immer) den absoluten Bruch mit der Generation der Eltern. Darin liegt etwas Menschliches, hier sehen wir dies in der Kunst. Man wollte neu, krass und anders sein. Mit Erfolg.

Ein bekanntes Stichwort was in diesem Zusammenhang fällt ist das Motiv des Vatermords. Sozusagen als Steigerung der Ablehnung gegen die ältere Generation. Hasenclever ist hier ein Vertreter mit seinem Stück Der Sohn. Ich möchte hier kleine Teilaspekte aufgreifen, die die Thematik der Ablehnung gegen die Bürgerlichkeit verdeutlichen.
Hasenclever beschreibt den Vater, als Gegenentwurf zur Lebensvorstellung des Sohnes. Er ignoriert die Selbstbestimmungsansprüche des Sohnes. Spricht ihm die Fähigkeit, die Erfahrung auf ein eigenes Leben ab. Der Vater erwartet gehorsam, typisch für die wilhelminische Generation. Der Sohn empfindet dieses unreflektierte Gehorsam als sinnlos. Der Vater ist unfähig zu erkennen, dass der Sohn entwachsen ist und nach eigenen Regeln handelnd seinen Lebensentwurf zum Erfolg führt. Der Sohn erreicht mehr und mehr was dem Vater in seinem Leben versagt blieb, erwartet aber gleichzeitig Respekt für dessen Lebenswerk. Ein familiär beschränkter Konflikt mag man meinen, aber es ist das Symptom einer ganzen Generation.

Die bestehende Gesellschaft empfand man als starr und unentwickelt, eingeschlafen, langweilig wenn man so will. Aber in einer stark ablehnenden Form, man verachtete das Alte regelrecht. Hier spiegelt sich wieder einmal der Drang des Modernismus. Aber wie ich später noch ausführen werde, die Kunst und das Pathos des Expressionismus ist streng genommen nicht modern. In ihr dominiert nicht selten das Gefühl des Weltschmerzes.
Eine Anekdote nebenbei, der Begriff Weltschmerz hat sich als typisch deutsches Phänomen etabliert, er hat es sogar als Lehnwort in die Englische Sprache geschafft, weil es dafür keinen adäquaten englischen Begriff gibt. Dazu später mehr.
Es handelt sich also um eine Kunstrichtung von der sich vor allem junge Leute angesprochen fühlten, das zeigt sich auch im vermehrten Auftauchen von Hobbydichtern. Es gibt eine ganze Reihe von Namen unter den Expressionisten, die nach ein paar kleinen Gedichten es mit dem Dichten sein ließen. Das muss nicht heißen, dass deren Werke keinen Beitrag geleistet hätten. Es soll an der Stelle nur zeigen welchen massiven Zuspruch die Kunstrichtung unter der jungen Generation fand, so anziehend, dass der eine oder andere darüber nachdachte, ein Dichter zu werden.
Die starke Distanz zum Bürgerlichen, erkennt man ebenso an den Titeln der literarischen Zeitschriften, die zu dieser Zeit zahlreich gegründet wurden: Der Sturm, Der Brenner, Die Aktion. Allesamt sehr martialische Titel, aus heutiger Sicht etwas antiquiert oder vielleicht übermäßig mit Krieg und dem Reich assoziiert. Aber von diesen gab es zahlreiche, kleine und große, dort formulierte die neue Künstlerschaft ihre Gedanken, veröffentlichte ihre Programmschriften. Einige davon sehr pathetisch, vielleicht auch größenwahnsinnig. Beim Lesen der Programmtexte schlägt einem auf jeden Fall die unbegrenzte Begeisterung dieser Künstler entgegen. Der Expressionismus war das literarische Ausrufezeichen der Vorkriegsgeneration.

Kasimir Eschmid - Über den dichterischen Expressionismus
"[...]. Es kamen die Künstler der neuen Bewegung. Sich gaben sich nicht mehr die leichte Erregung. [...]. Ihnen war der Moment, die Sekunde der impressionistischen Schöpfung nur ein taubes Korn in der mahlenden Zeit. Sie waren nicht mehr unterworfen den Ideen, Nöten und persönlichen Tragödien bürgerlichen und kapitalistischen Denkens. 
Sie sahen nicht. Sie schauten.
Sie photographierten nicht.
Sie hatten Gesichte. [...]"

In diesem Text kommt ebenso zum Ausdruck, dass der Expressionismus nicht nur mit dem Bürgerlichen bricht, sondern auch allen Kunstformen die er hervorbrachte. Was den Impressionisten widerfuhr, die Ablehnung als rebellische Kunstrichtung, die durchaus seine Not hatte sich zu behaupten, war den Expressionisten noch nicht genug. Für sie war es eine hohle Pose. Eine Kunst, die den Menschen ausgeklammert hat. Und damit die Verhältnisse des Bürgertums ausblendet. Unterm Strich war ihnen der Impressionismus zu ruhig, zu sehr in Grenzen gefangen.

"[...]. Die Realität muss von uns geschaffen werden. Der Sinn des Gegenstands muß erwühlt sein. Begnügt werden darf sich nicht werden mit der glaubhaften, gewähnten, notierten Tatsache, es muß das Bild der Welt rein und unverfälscht gespiegelt werden. Das aber ist nur in uns selbst. [...]"

Tja was will uns Eschmid damit eigentlich alles sagen? Er fordert das eigentliche erkennen des Menschlichen, des Subjektiven. Wir sollen nicht nur schauen, die Welt um uns herum wahrnehmen. Wir sollen sie aufnehmen, sie soll "erwühlt" sein, natürlich in Anspielung auf erfühlt. Dabei sollte es ekstatisch zugehen, laut, verstörend, echt eben.

Abschließend möchte ich noch ein Gedicht präsentieren, das thematisch und vor allem stilistisch zeigt, was der Expressionismus erwartet.

Alfred Lichtenstein - Der Sturm
Im Windbrand steht die Welt. Die Städte knistern.
Halloh, der Sturm, der große Sturm ist da.
Ein kleines Mädchen fliegt von den Geschwistern.
Ein junges Auto flieht nach Ithaka.
Ein Weg hat seine Richtung ganz verloren.
Die Sterne sind dem Himmel ausgekratzt.
Ein Irrenhäusler wird zu früh geboren.
In San Franzisko ist der Mond geplatzt


Distanz vom Naturalismus

Ich hatte bereits angedeutet, dass der Expressionismus mit allen vorhandenen Kunstrichtungen abrechnete. Eine weitere etablierte neue Richtung neben dem Impressionismus war der Naturalismus. Und wer den vorherigen Artikel mit dem Auszug von Eschmid aufmerksam verfolgt hat, dürfte merken, er ist genau das Gegenteil dessen was der Expressionismus in seinem Pathos formulierte. Der Naturalismus ist eine nüchterne Kunstrichtung, er beschreibt, mitunter prekäre Themen, kann schockieren, aber in seiner Darstellungsart ist er sehr ruhig und distanziert. Das empfinden die Expressionismus als dem Menschen fern. Wir fühlen doch alle, auch wenn wir naturalistische Literatur wie den Bahnwärter Thiel konsumieren. Schüttelt es uns denn nicht, wenn wir sehen wie ein Kind zu Tode kommt und wenn der Bahnwärter seiner Umwelt passiv gegenübersteht. Man möchte ins Buch hineinspringen, die schlafenden Menschen wecken, ihnen sagen, dass sie nicht der Spielball ihrer Umwelt sind, wie es die soziologische Milieutheorie darstellt. Genau hier setzt der Expressionismus an. Der Naturalismus will diese Gefühle erzeugen, aber warum kann er sie nicht ebenso darstellen? Und zwar in genau der gleichen Heftigkeit wie im Menschen reflektiert werden. Der Expressionismus will den Anspruch auf das selbstbestimmte Leben erneuern.

Neue Zeiten erfordern neue Formen

Unter den Soldaten waren zahlreiche Avantgarde-Lyriker, aus dem Grund, dass bei der Mobilisierung alle möglichen zur Verfügung stehenden Männer eingezogen wurden. Wie das leider so ist, die Kunst der Zeit der Moderne ist vor allem eine männliche, auch wenn sich dies im Laufe der Zeit änderte. Else-Lasker-Schüler ist ein klasse Beispiel dafür. Aber irgendwie schien das aggressive, neue den Männern der Zeit vorbehalten zu sein. Das mag zum Einen in der Natur der Sache liegen, zum anderen im Entwicklungsstand der Gesellschaft. Die große Zeit der selbstbewussten Frauen sollte nach dem Krieg kommen, denn die Männer starben, wer sollte die Gesellschaft weiterentwickeln?
Die neuen Formen des Expressionismus entstanden vor dem Krieg, aber der Krieg selbst hatte den größten Einfluss auf die Kunst genommen. Alles Extreme was man suchte, brachte der Krieg. Der vollständige Bruch mit allem bewährtem. War es das was die Expressionisten suchten? Ich würde sagen ja und nein. Es war vielleicht viel mehr das was sie erwarteten. Ein Kriegsausbruch geschieht nicht aus dem Nichts, die Grundlagen dafür liegen in der Gesellschaft. Die Expressionisten taten nichts anderes als dies zu Papier zu führen, den Zeitgeist festzuhalten. Insofern ist der Expressionismus etwas wie der Messias des Krieges. Keine andere Kunstrichtung konnte so gekonnt abbilden, was sich ereignen sollte.
Das Nein zeigt sich für mich in der schnell abflauenden Begeisterung für den Krieg, die meisten Dichter, die dann tatsächlich an der Front waren, erkannten schnell, das hier ist kein Spaß, keine Erneuerung, das ist das Ende. Doch dafür war es zu spät. Die Welt wurde vom Krieg überrollt, noch ehe sie bemerkte was geschah. Der Expressionismus aber schien die geeignete Form zu sein eben diese Erfahrungen wiederzugeben. Seine überhitzte und ekstatische Art, ermöglichte es die extremen Erlebnisse des Krieges festzuhalten. Auch wenn das eine oder andere Urteil darüber nüchtern ausfiel.

"Er hat Körper zu Kadavern gemacht – die Geister hat er völlig unberührt gelassen."[1]


Heldenepos

Durch den Wunsch nach Reinigung begann man den Krieg heraufzubeschwören, sich danach zu sehnen. Damit einher ging, dass man nicht selten mit extremer Begeisterung auf ein freudiges Ereignis reagierte. Diese Begeisterung ging als das Augusterlebnis  in die Geschichte ein. Man stilisierte Soldaten, Männer, alle die zum Krieg bereit waren zu wahren Helden, die ihre Pflicht taten. Das ist auch heute selten anders, aber man muss sich vor Augen führen, dass der moderne Mensch dieser Zeit in einer vergleichsweise ruhigen Zeit. Es war nicht so, dass man wie in den Jahrhunderten davor mit Epidemien kämpfte, mit großer sozialer Unterdrückung oder einem bereits bestehendem Krieg. Die Menschen lebten größtenteils in Frieden und wünschten sich regelrecht einen Krieg. Diese Entwicklung findet auch heute noch in Ländern statt, die ich hier nicht erwähnen möchte. Nichts desto trotz wirkt es absurd.

Personen wie Churchill, die später an Friedensprozessen beteiligt waren, auch nach Ende des zweiten Weltkrieges ließen sich zu dieser Zeit zu Aussagen wie dieser hinreißen:

"Um nichts auf der Welt möchte ich diesen herrlich aufregenden Krieg missen" (Winston Churchill)

Doch es gab auch Stimmen, die schnell bemerkten, was wirklich begonnen hatte. So fasst Kurt Tucholsky den Kriegsbeginn treffend zusammen:

"Die Luft lastete, Staub wirbelte allerorten auf, ohne dass das erlösende Gewitter kam. Es war, als ob einer den Atem anhielte. Dann grollte es." (Kurt Tucholsky - Der Geist von 1914)


Kriegs-Freude: Die moderne Reinkarnation

Erstaunlicherweise begannen aber auch vor Ausbruch des Kriegen einige Literaten damit visionäre Texte zu schreiben. Untergangsszenarien herauf zu beschwören. Auch wenn man diese heute gern als Visionen interpretiert, die den Weltenbrand und das Elend des Krieges vorausahnten, darf man  nicht vergessen, dass wenn auch verhalten oft eine Begeistung und Faszination mitschwang.

Der Wunsch nach Wiedergeburt und neuer Lebendigkeit schlug sich auch in den Gedichten der Expressionisten nieder. Der Expressionismus hatte seine Geburtsstunde in der Moderne, in der Krise. Die Literaturwissenschaft bezeichnet den Expressionismus eigentlich sogar als nicht moderne Stilrichtung. Aus dem Grund, dass der Expressionismus die Moderne nicht akzeptieren konnte. Er formulierte ständig den Schmerz der ausgelöst wurde und alle Verwirrungen, die über den Menschen hereinbrechen. Der Futurismus als kleines Gegenstück nahm diese Entwicklung begrüßend und naiv hin, während der Expressionismus flapsig gesagt jammerte.

Ein schönes Beispiel ist das Gedicht Weltende von  Jakob van Hoddis. Es wird gerne herangezogen um zu zeigen, dass man den Sturm erwartete. Bei all dem visionären was man gern herausliest, darf man allerdings nicht vergessen, dass der Text aus Teilen von  Zeitungsartikeln entwickelt wurde. Damit ist er auch ein formales Experiment, neue Schreibtechniken anzuwenden. Es entsteht ein Gedicht, dass von der Entstehung und dem Bild eher impressionistisch ist, im Kontext der Zeit aber den Expressionismus heraufbeschwört.

Weltende (1911)
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.


Messianischer Expressionismus

Die Kriegsfreude und die Erlösung die man sich erhoffte, führte zu einer Subströmung des Expressionismus, die man als messianischer Expressionismus bezeichnet. Darin steckt das Wort Messias, der Erlöser. Es ist schon makaber Menschenvernichtung als messianische Begegnung zu interpretieren. Der Wunsch zur Reinigung ist hier ins Absurde erhöht, man hat den Krieg als das eindeutig erlösende erkannt. In anderen Kreisen der Expressionismus erwartet man ein großes Ereignis ohne genauen Bezug zu nehmen, dass es ein Krieg sein wird. Diese Unterströmung geht sozusagen den Schritt zu Ende.

Es eignet sich hier vielmehr ein Beispiel anzuführen als viel zu erklären.



Kriegs-Angst: Lyrische Untergangsvisionen

Die Gedichte und Texte die in den Kriegsjahren geschrieben wurde sind gefüllt von Untergangsvisionen. Sie zeigen die Schrecken des Krieges, den die Industrialisierung, das professionelle Vernichten, mit sich brachte.

Verzweiflung und Krise
apokalyptische Ängste
Nihilismus


Alfred Lichtenstein - Prophezeiung (1913)

Einmal kommt - ich habe Zeichen -
Sterbesturm aus fernem Norden.
Überall stinkt es nach Leichen.
Es beginnt das große Morden.

Finster wird der Himmelsklumpen,
Sturmtod hebt die Klauentatzen.
Nieder stürzen alle Lumpen.
Mimen bersten. Mädchen platzen.

Polternd fallen Pferdeställe. 
Keine Fliege kann sich retten.
Schöne homosexuelle
Männer kullern aus den Betten.

Rissig werden Häuserwände.
Fische faulen in dem Flusse.
Alles nimmt ein ekles Ende.
Krächzend kippen Omnibusse.

August Stramm

Verfasste Texte an der Front.

August Stramm - Patrouille (1914)

Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Äste würgen
Berge Sträucher blättern raschlig
gellen
Tod.


Kriegsende

"Die Woge von Betrunkenheit, die heute vor zehn Jahren durchs Land ging, hat eine Schar Verkaterter hinterlassen" (Kurt Tucholsky - Der Geist von 1914).

Kurt Tucholsky kann es nicht besser auf den Punkt bringen, nach dem Rausch folgt der Kater. Die Folgen des Krieges sind bekannt, und so mancher Künstler des Expressionismus, der vorher dem Messianischen Expressionismus fröhnte oder sich an der allgemeinen Kriegslust erfreute musste einsehen, wohin die Reinigung des Geistes geführt hat. Zu Verrohung und Gewalt. Das ist auch einer der Gründe weshalb die Kunstrichtung nach und nach an Anhängern verlor. Man ist in eine Sackgasse geraten. Der Rausch ist vorbei und die Bühne wird frei für ein ins extreme Gegenteil verkehrte Kunstrichtung die Neue Sachlichkeit.
Nichtsdestotrotz gab es Anhänger, die den Expressionismus weiter als adäquate Stilrichtung sahen, der auch in den Nachkriegsjahren seine Berechtigung hatte.

Kriegsfolgen: Postapokalypse

Folgt.

Kriegsfolgen: Rauschhaftes Leben

Der Expressionismus entstand im ersten Weltkrieg und überlebte ihn auch. Aber wieso?

Quellenangaben

  • Frank Krause - Literarischer Expressionismus, UTB Fink Paderborn 2008
  • Otto F. Best - Theorie des Expressionismus, Reclam Stuttgart 1976
  • Bode Dietrich - Gedichte des Expressionismus, Reclam Stuttgart 2001

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10.4.16

Die Farbe Blau im Expressionismus

Farbsymbolik bei Gottfried Benn

Einführung:

Ürsprünglich war dieser Text für den Artikel zu  Gottfried Benn vorgesehen. Aber nachdem das Thema etwas aus dem Ruder lief, habe ich mich entschlossen es einmal gesondert anzugehen.

Farbsymbolik im Expressionismus

Eine beliebte Frage, oder besser gesagt ein Rätsel rund um den Expressionismus ist die Begeisterung für die Farbe Blau. Darauf versucht man immer wieder eine Antwort zu finden. Befriedigend wird diese nicht sein, denn eine eindeutige gibt es nicht. Es ist aber schon sehr auffallend, wie manche Autoren, darunter auch Benn gern die Farbsymbolik des Blauen nutzen, um scheinbar chiffrierte Verse zu konstruieren, die schwer zu deuten sind. Allgemein ist der Expressionismus eine der Stilrichtungen, die sich schwer deuten lassen. 

Ich würde frech behaupten, dass der Expressionismus nicht gedeutet werden möchte. Zumindest nicht immer. Der Fall ist so gelagert, dass der Expressionismus wie die Bezeichnung auch schon andeutet, expressiv vorgeht, energiegeladen und wahnsinnig emotional. Er zielt gerade darauf ab extrem zu sein und durch völlige Überreiztheit in uns Bilder zu erzeugen (siehe auch "Stilmittel des Expressionismus"). Da kommt die Farbsymbolik ganz gelegen.


Farben und Emotionen

Denn wir alle kennen die Interpretation von Farben wie Rot steht für Leidenschaft, Wut, Impulsivität. Grün für die Natur, Hoffnung. Blau steht dabei für Kälte, die Farbe des Himmels, Sehnsucht und Klarheit. Ganz gleich wie der Expressionismus sich Farbsymbolik zu Nutze macht, denn es ist Vorsicht geboten, der Expressionismus greift nicht selten Traditionen und Konventionen auf, um sie zu zerbrechen. Das heißt eine Erklärung zur Deutung der blauen Farbsymbolik kann genauso gut voll ins Leere laufen. Es geht meiner Meinung nach um den allgemeinen Umstand, dass wir Menschen Farben mit Emotionen verbinden, sie emotionalisieren und ihnen damit indirekt Gefühle geben. Trotzdem werde ich es nicht unversucht lassen einmal einen weiteren Versucht zu starten, sich der Interpretation zu nähern. Ich muss aber anmerken, dass man an dieser Stelle für meine Begriffe den literaturwissenschaftlichen Bereich verlässt, da der Ansatz sehr hermeneutisch ist. 


Farbwirkung

Blau ist  kalt, also nüchtern und auch klar. Menschen sind das Gegenteil davon, sie sind gefühlvoll, warmherzig (im Optimalfall). Das wäre schon eine Erkenntnis, die man festhalten kann. Blau ist also das, was ein Mensch nicht ist. Also wirkt die Emotion in Blau unmenschlich kühl und vielleicht fremd. 

Blau ist auch das Symbol für Ferne, der Himmel ist blau und der ist nun mal fern. Wenn wir in die Ferne schauen, auf dem Meer, ins Unendliche sehen wir nichts mehr außer dem Himmel. Auch damit scheint blau wieder irgendetwas von Ferne als Gegenteil von Nähe (Rot steht für Leidenschaft und damit menschlicher Nähe) zu bedeuten. (Auch das halten wir fest).

Denn damit verbindet man auch Sehnsucht, für alle die sich gern in die Ferne träumen. Mit träumen, Sehnsucht und Ferne verbindet der eine oder andere wahrscheinlich auch Melancholie und Nachdenklichkeit. Das ist gar nicht so weit hergeholt. Im Englischen existiert beispielsweise die Aussage: "feel blue". Damit ist nicht das gleiche wie im Deutschen gemeint, sondern es drückt aus, dass man nachdenklich, traurig und melancholisch ist. 

Blau steht außerdem oft für Mystik und Magie. Belege findet jeder wahrscheinlich selbst heraus. Als letztes glaube ich, dass Blau zum Beispiel in der Natur recht selten ist, abgesehen vom blauen Himmel und dem Wasser. So haben blaue Blumen, blaue Edelsteine, allesamt eine Anziehungskraft des Besonderen.

Ich möchte jetzt die esoterische Ebene wieder verlassen, ohne aber die Grundgedanken zu vergessen. Blau ist kalt, fern, Sehnsucht und Melancholie. Farben haben seit jeher Bedeutungen für Menschen, auch für jeden persönlich das darf nicht vergessen werden. Eine Interpretation kann auch aus diesen Gründen schief gehen. Vielleicht mochte Benn die Farbe Blau einfach besonders? Denn er hat ein anderes Lieblingsmotiv die Aster, die kann auch blau sein. Alles wohlmöglich eine persönliche Vorliebe? Dafür ist die Tendenz der blauen Farbsymbolik in der Literatur allerdings ein wenig zu eindeutig, oder? Man denke hier an den Blauen Reiter, einer Gruppe aus Malern. Aber der Expressionismus lehnte offen die Interpretierbarkeit seiner Texte ab, man sollte stattdessen das Wesen der Dinge erleben, und das kann der Mensch anhand der Gefühlsebene.


Textausschnitte

Widmen wir uns an der Stelle ein paar Textausschnitten von Benn:

"Jetzt saß er auf einem Eckplatz und sah in die Fahrt: es geht also durch Weinland, besprach er sich, ziemlich flaches, vorbei an Scharlachfeldern, die rauchen von Mohn. Es ist nicht allzu heiß; ein Blau flutet durch den Himmel, feucht und aufgeweht von Ufern; an Rosen ist jedes Haus gelehnt, und manches ganz versunken." (aus Gehirne - Gottfried Benn)

"...ich schwinge wieder – ich war so müde – auf Flügeln geht dieser Gang – mit meinem blauen Anemonenschwert..." (aus Gehirne - Gottfried Benn)

"Du bist so weich, du gibst von etwas Kunde,
von einem Glück aus Sinken und Gefahr
in einer blauen, dunkelblauen Stunde
und wenn sie ging, weiß keiner, ob sie war."
(aus dem Gedicht "Blaue Stunde" - Gottfried Benn)

So oft er auch Blau als symbolträchtige Farbe verwendet wie in diesen kurzen Stichproben, würde ich diese Tatsache nicht überbewerten. Ebenso verwendet er andere Farben wie hier:

"Braun wie Kognak. Braun wie Laub. Rotbraun. Malaiengelb [...] Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun" (aus dem Gedicht D-Zug - Gottfried Benn)


Neologismen und Geheimnisse

Dabei fällt sogar noch eine Besonderheit auf, es finden sich Neologismen darin, Wortneuschöpfungen um Beziehungen zwischen fremden Wörter herzustellen, um das Wesen der Dinge zu verändern. Bedeutungsebenen hinzuzufügen, die es vorher nicht gibt. Auffällig ist dabei allerdings die häufige Farbsymbolik, die allgemein verwendet wird. Warum der Blaue Reiter blau verwendete? Kandinsky und Franz Marc mochten die Farbe einfach, das sagten sie selbst. Also eine persönliche Präferenz. Was Benn angeht und auch andere Expressionisten, würde ich Abstand nehmen von zu tiefgehenden Interpretationen. Wer in der Schule Gedichte Interpretiert widmet sich hauptsächlich der Hermeneutik, man versucht zu dechiffrieren und Bedeutungen zu extrahieren. Wer Literaturwissenschaft betreibt weiß, das ist gerade mal eine Herangehensweise. Zur Interpretation vor allem des Expressionismus ist es wichtig das Wesen der Dinge zu Erfassen und zwar emotional und abzubilden was der Autor durch die Auswahl seiner Worte versuchte mitzuteilen. Das heißt, hier spielt vor allem die Semantik der Begriffe die Hauptrolle und die Verbindungen zwischen fremden Sachverhalten die entstehen.


Interpretation von Farben

Wer gern mit Farbsymbolik arbeitet, die sehr bedeutungsträchtig ist, sollte in der Romantik danach suchen. Denn anders als der Expressionismus ist die Farbsymbolik mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr gezielt eingesetzt. Das bedeutet nicht, dass der Expressionismus das beliebig tut, nur die Ebene der Bedeutung ist eine andere. Um abschließend zur Thematik nochmal deutlicher zu werden, beim Blauen Reiter ist nicht die "Lieblingsfarbe Blau das Besondere", sondern der Titel selbst, dass ein Reiter nicht blau ist, die Wirkung die es entfaltet, soll den Hörer emotional treffen und aufwühlen, und nicht eine verschlüsselte Nachricht zu überbringen.

Der Expressionismus ist sich dessen bewusst, dass der Mensch versucht die Dinge zu verstehen die er dort liest, die zweifelsohne schwer zugänglich sind. Es ist genau dieses Spiel aus dem Bruch mit Erwartungen aus dem Anderssein. Der Expressionismus war eine Rebellion gegen einen Zeitgeist, ein Aufbegehren. Es geht hierbei nicht um das Verstehen im eigentlichen Sinne. Denn nicht vergessen Expressionismus steht für Expressivität und Gefühl. Der Symbolismus oder wie erwähnt die Romantik bieten hierfür bessere Angriffsflächen.


Syllabus

Abschließend noch ein Gedicht, das alles gut zusammenfasst. Es ist nebenbei gesagt eines meiner Lieblingsgedichte des Expressionismus. Weil es so viel Wahrheit enthält und pointiert ausdrückt, was der Expressionismus verlangt.

Der Spruch - Ernst Stadler
In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort, 
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort: 
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe, 
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe, 
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge, 
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschloßne Tore trüge, 
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt, 
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt, 
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht, 
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht, 
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich, 
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!


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1.4.16

Stilmittel des Expressionismus

Literatur des Expressionismus

Einführung:

An dieser Stelle möchte ich mich mal explizit den Stilmitteln des Expressionismus widmen. Denn sie sind ohne Frage das, was am augenscheinlichsten ist. Und die wenigste Literatur oder auch Kunst entspricht dem Inhalt nach vollkommen dem Expressionismus. Oft finden sich aber die Motive und Stilmittel in anderen Stilrichtungen und Kunstformen wieder. Unter anderem auch im Film und sogar in der Architektur. Das heißt hier soll einmal folgender Frage nachgegangen werden: "Welche Darstellungsmittel entwickelte/verwendete der literarische Expressionismus?"


Wortkunst und Abstraktion

Zu den offensichtlichsten Stilmitteln gehören die Abstraktion und die Wortkunst. Der literarische Expressionismus ist bekannt dafür, bestimmte Wörter neu zu erfinden bzw. neu zu arrangieren und ihnen damit eine ganz neue Wirkung zu verpassen. Oder er bedient sich von vornherein Wörtern, die eine eigene Wortmusik besitzen. Das kann z.B. am besonderen Klang der Wörter liegen. Mir fällt an dieser Stelle der "Korybanten-Tanz" aus Heyms "Gott der Stadt"-Gedicht ein. Denn dass das Wort schon früher nicht gerade geläufig war, bin ich mir sicher. Für das Positionieren bekannter Wörter in neuen Kontexten ist Gottfried Benn ein gutes Beispiel. Hier ein Beispiel aus seiner Novelle "Gehirne":
"[...] Zwischen die Straßen rinnt Nacht, über die weißen Steine blaut es, es verdichtet sich die Entrückung; die Sträucher schmelzen, welches Vergehn! [...]"
Wir hieraus zu entnehmen ist, finden Wörter wie die Farbe Blau eine ganz neue Bedeutung. Aus dem Attribut blau wird hier ein Verb gemacht. Dadurch wird außerdem ein hoher Grad an Abstraktion erreicht, der auch sehr typisch für den Expressionismus ist.
Weiterhin werden Dingen Eigenschaften zugesprochen, die sie im eigentliche Sinne nicht besitzen. Sie werden nicht selten Personifiziert. Hier auch erkennbar, denn die Nacht blaut. Indem man der Nacht eine solche Handlung unterstellt, erweitert man sie um weitere Bedeutungsebenen, die weit tiefer liegen als sie zunächst vermuten lassen. Durch das Entfremden, der Nacht von ihrem eigentlichen Wesen, rückt man diese entweder in das Blickfeld der Betrachtung, das heißt dass das Wort Nacht in dem Falle nicht einfach heruntergelesen wird, sondern man beginnt in einer neuen geläuterten Form darüber nachzudenken. Solche Prozesse laufen natürlich in viel schnellerer Form beim Lesen ab, als ich diese hier ausführe. Oder man setzt den Begriff in ein neues Verhältnis. Man denke hier an Gedichte von Benn wie "kleine Aster". Es vereint das Schöne in Form der Blume mit dem Hässlichen in Form des toten Bierfahrers. Das vermeintlich Unvereinbare erscheint in einer Konstellation, die es erfordert sich eine neue Vorstellung darüber zu bilden. Man spricht hier vom Vereinen des Disparaten und der Simultanität was so viel wie Gleichzeitigkeit bedeutet. An dieser Stelle beginnt es nicht selten kompliziert zu werden. Bedingt durch den hohen Grad an Abstraktion sowie die Herstellung einer neuen Beziehung zwischen Dingen und Sachverhalten, die zunächst unvereinbar erscheinen. 
Ich habe hier versucht einige Aspekte des expressionistischen Stils darzustellen. Selbstverständlich gibt es noch eine riesige Reihe weiterer Stilmittel, die aus anderen Epochen und Strömungen bekannt sind. In der Regel bedient sich der Expressionismus dieser aber dieser anderen Stilmittel um etwas "Neues", das Alte zerstörende zu entwickeln. In den meisten Fällen sind die Stilmittel wohl der Abstraktion geschuldet. 
Diese Abstraktion ist kein Selbstzweck, sie dient vielmehr der Abbildung und Herstellung von Sinnzusammenhängen, die auf konventionellem Wege nicht oder nur schwer erreichbar wären. Das heißt durch den Weg in die Abstraktion eröffnen sich neue Sphären, die es ermöglichen Emotionen in einer neuen, intensiveren Weise abzubilden.

Reihungsstil

Der Reihungsstil (oder Simultanstil) ist in dem Sinne nicht typisch expressionistisch, wird aber im Expressionismus gern und häufig verwendet. Er stammt aus dem Impressionismus, der ja bekanntlich versuchte Eindrücke aus sehr kurzen Augenblicken in ihrer flüchtigen Form festzuhalten. Man denke hier nur an die zahlreichen Gemälde des Impressionismus. Die Farben sind unscharf, sie leuchten, verschwimmen ineinander, es entsteht der Eindruck man hätte nur kurz seinen Blick über eine Szene dieser Art schweifen lassen. In einem kleinen Augenblick rauscht eine große Fülle an Eindrücken und Informationen am Leser vorbei. Das führt natürlich auch dazu, dass Dinge in neue Verhältnisse gesetzt werden. Das Gedicht "Weltende" von Jakob van Hoddis ist ein Beispiel hierfür. Es wirkt schon fast surrealistisch, weil die einzelnen Zeilen des Gedichtes keinen Zusammenhang zu besitzen scheinen. Der logische Zusammenhang ist nicht herstellbar. Außerdem zeichnet sich der Stil dadurch aus grammatische Regeln zu durchbrechen. Das äußert sich in einer abgehackten Schilderung, die nicht selten eigenen Regeln folgt. "Die Dämmerung" von Alfred von Lichtenstein ist hierfür auch ein geeignetes Beispiel.


Gefühlsintensität und Ekstase

Jedes Thema, jede Handlung die der Expressionismus darzustellen versucht wird quasi übertrieben. Es gibt kein vielleicht, kein wenig, keine Zurückhaltung. Der Expressionismus in seiner reinen Form versucht immer alles in ekstatischer Form wiederzugeben. Ein Grund dafür warum sich der Expressionismus oft um Rausch, Untergang und dergleichen dreht. Man kann vielleicht sagen, dem Expressionismus fehle das Objektive vollkommen. Nicht nur dass er alles aus höchst subjektivierter Sicht beschreibt, er zerstört sogar noch durch seine Art der Darstellung jede Vorstellung des "Realen". Die Schilderungen werden so realitätsfremd, dass es scheint als konstruiere der Expressionismus eine ganz eigene Welt. Damit schafft der Expressionismus jedoch nicht einfach nur irreale Welten, denn der Leser wird zustimmen können, dass Schilderungen nach Art des Expressionismus eben so viel Wahrheit besitzten, weil sie nachvollziehbar und "fühlbar" sind. Nur eben in einer wie erwähnt stark subjektivierter Sichtweise. Ganz nach dem Motto: "Nicht verstehen, sondern einfach Fühlen".


Farben als Symbole und Stimmungsträger

Der expressionistische Stil ist von hoher Bildlichkeit und Metaphorik gekennzeichnet. Bei der Ausformung dieser Bildlichkeit kommt oft eine Farbsymbolik zum Ausdruck. Die Farben werden in diesem Zusammenhang genutzt um Stimmungen zu verstärken oder zu schaffen. Dies kommt auch dem Reihungsstil zugute, der ohnehin an den Farbreichtum des Impressionismus angelehnt ist. Hier möchte ich auch wieder auf Gottfried Benn verweisen, der durch seine Darstellungen der Farbe Blau bekannt geworden ist. Für ihn hat diese Farbe etwas Entgrenzendes, sie hat die Macht Strukturen aufzulösen, sie ist dem Rauschhaften geschuldet. Eine genaue Definition darüber, was Benn wirklich mit seiner ausdrücklich "blauen" Metaphorik bewirken möchte, existiert in dieser Form nicht. Entweder man hat Zugang zu dieser Darstellungsart und kann nachfühlen worum es Benn geht. Oder man überliest es schlichtweg als unverständliche Floskel.
In der Malerei ist der Expressionismus sehr stark mit dem Fauvismus verwandt. Da geht man auch mit knalligen und flächigen Farben um, um das Natürliche in die Bedeutung aufzunehmen. 
Dabei geht es um die natürliche Emotion bei einer Farbe. Sprich es gibt die kulturell geprägten z.B. Rot = Gefahr, die auch biologische Zusammenhänge offenbaren, z.B. dass das Auge mehr Rezeptoren zur Aufnahme für Rot als für Blau hat. Aber auch das Gefühl was bei einer Farbe entsteht und das kann ganz persönlich ausfallen. Um es mal runtergebrochen zu sagen: Als Kind hat man eine Lieblingsfarbe, weil man damit etwas emotionales verbindet. "Ich mag blau, weil...". Natürlich hat kein Erwachsener noch eine Lieblingsfarbe. Aber es zielt in eine ähnliche Richtung. 
Das heißt sucht man nach der Bedeutung sollte man vor allem im Kontext der auftauchenden Farbe schauen. Taucht die Farbe an Stelle X auf, wobei Y beschrieben oder charakterisiert wird, ist das höchstwahrscheinlich ein Indiz dafür, was mit der Farbe gemeint ist 


Auflösung der Sinne

Die Wahrnehmung mit allen Sinnen spielt eine große Rolle in der Literatur des Expressionismus. Wie bereits erwähnt, sind Personifikationen eine Möglichkeit einem Ding oder Lebewesen neue wahrnehmbare Komponenten zu verleihen, die außerhalb der normalen Wahrnehmung durch die Sinne stehen. Es finden sich aber noch deutlichere Akzentverschiebungen in der Anordnung und Wahrnehmung der Sinne. Man gewinnt den Eindruck, beispielsweise eine Farbe zu spüren, indem assoziativ eine Verknüpfung stattfindet. Ein Beispiel, das nicht aus dem Expressionismus stammt ist die Geläufigkeit, dass man annimmt die Farbe Rot stehe für Wut und Ekstase. Außerdem spricht auch die Anordnung der Eindrücke, die ich oben beschrieben habe, für die Auflösung der Grenzen der Sinne. Indem Sinne wie das Sehen mit völlig neuen Eindrücken konfrontiert werden, werden gleichzeitig die Grenzen des Sinnhaften aufgelöst und durchstoßen, wodurch wieder ein hoher Grad an Abstraktion erreicht wird. 

Dir hat diese Erklärung geholfen, oder wichtige Aspekte wurden nicht beleuchtet? Lass es mich wissen.


Weiterlesen

Wer sich über diese Erklärung hinaus für den Expressionismus interessiert, dem kann ich von UTB "Literarischer Expressionismus" empfehlen. Findet ihr hier. Das hat mir damals im Studium als Einführung sehr geholfen. 

Wer ein wenig expressionistische Literatur direkt lesen will, dem empfehle ich Gottfried Benns "Gehire", gibt es ganz günstig von Reclam hier und ist ein wirklich guter Einstieg in den harten Kern des Expressionismus. Gottfried Benn war einer der wenigsten, die lange nach Ende der Epoche noch am Expressionismus festhielten.


Wer noch mehr über Gottfried Benn wissen möchte, oder mehr Informationen zu Gattungen im Expressionismus sucht, dem empfehle ich meine Arbeit über die Novelle bei Gottfried Benn. Die Novelle ist für den Expressionismus eine eigentlich untypische Form, die vor allem im Naturalismus sehr beliebt war. Doch Benn gelingt es eine ganz eigene Interpretation der Novellenform zu schaffen.

31.3.16

Der Spät-Expressionist Wolfgang Borchert

Spätexpressionismus bei Wolfgang Borchert



Einführung:

Wolfgang Borchert ist sowas wie ein Sonderfall, wenn man mich fragt. Er gehört zu den wenigen Autoren neben Gottfried Benn, die dem Expressionismus auf eine Art treu geblieben sind. Während für viele Autoren der Expressionismus "überwunden" wurde, spätestens mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus, der eine Repression der alten Kunstformen einleitete. 

Borcherts Zeit

Nach dem zweiten Weltkrieg schien vielen wie gewöhnlich in der Kunst viele Ausdrucksformen nicht mehr angemessen. Solche Tendenzen hat es bereits bei der Entwicklung des Expressionismus nach dem Ersten Weltkrieg gegeben. Doch seltsamerweise gingen diese Bestrebungen nun in eine ganz neue Richtung. Was im Expressionismus noch die Explosion war, die Überforderung der Sinne, das Überdrehte und Abtrünnige, wurde in der Neuen Sachlichkeit - der beherrschenden Kunstform nach dem zweiten Weltkrieg - ins Gegenteil verkehrt. Anscheinend hat man erkannt, dass der Jammer über das Elend, die Verzerrung der Welt keinen neuen Sinn für die Leser und Literaten mehr erkennen ließ. Die Neue Sachlichkeit wirkt in ihrer Ästhetik zurückhaltender. Statt laut aufzuschreien, wie es noch der Expressionismus tat, ist man ganz ruhig und objektiv, und zwar derart, dass es fast schon wieder eine Übertreibung ist. Der Mensch wird völlig objektiviert, instrumentalisiert und materialisiert. Er ist nicht mehr als ein Inventar des Lebens.
Programmatisch ist hier das Gedicht Inventur von Günter Eich. Es beschreibt in einer sehr trockenen Sprache die Dinge, die dem Menschen der Nachkriegszeit als Besitz geblieben sind. Im Fall des lyrischen Ichs sind es nicht mehr Dinge als Anziehsachen, Rasierzeug und ein Stift. Besitztümer, die banaler und ärmlicher nicht sein können. So steht bei vielen Künstlern der Neuen Sachlichkeit die Frage im Raum: "Was ist dem Menschen der Nachkriegszeit geblieben, außer dem Sein selbst?"
In diesem Interieur bewegte sich ebenso der Schriftsteller Borchert. Eine solche Tendenz ist ebenso in seinen Texten herauszulesen. Doch mit dem Expressionismus hat er nicht abgeschlossen. Geschichte wiederholt sich, sagt man immer. Und so steht die Menschheit nach 27 Jahren wieder vor einem Haufen Scherben, den es aufzulesen gilt. Doch was lässt sich daraus überhaupt noch zusammensetzen?

Der Fall Borchert

Im Fall Borchert erinnere ich mich dabei gern an eine Kurzgeschichte - von denen er so viele in diesem Stil geschrieben hat - die sowohl die Denke der Neuen Sachlichkeit und den Expressionismus zum Ausdruck bringt. Und das obwohl diese beiden Stilrichtungen in ihrer Formsprache doch so unterschiedlich, geradezu gegensätzlich erscheinen. Die Kurzgeschichte Die Stadt beschreibt die Heimkehr eines Kriegsveteranen, eines abgehalfterten Soldaten, der ähnlich wie in Inventur nicht mehr als seine Handvoll Leben besitzt. Er sucht nach seinem Zuhause, das nicht mehr da ist. Die Heimkehrer sind das zentrale Thema Borcherts Literatur. Er ist einer der Literaten, der eine Literatur geprägt hat, die man als Trümmerliteratur bezeichnet.

Heimkehrer-Literatur

Konkret möchte ich hier auf den eben erwähnten Text eingehen. Der Heimkehrer in Die Stadt ist auf dem Weg nach Hamburg. Wie ein verirrter folgt er den Schienen die sich silbern auf das Helle zubewegen. Und das Helle, das ist die Stadt Hamburg, seine ehemalige Heimat. Wie viele Heimkehrer weiß der Erzähler nicht was ihn erwartet, was von seiner Heimat, die er einst kannte noch existiert. Entlang dieser Schienen beschreibt Borchert die Eindrücke des "Nächtlichen", die stark an die Sprache des Expressionismus angelehnt sind, aber dennoch in einer ruhigen und gesetzten Art und Weise, die an die Neue Sachlichkeit erinnert. Die Person wird dabei durchweg als "der Nächtliche" bezeichnet, ein Mensch ohne Charakter, ohne menschliche Züge, er wird instrumentalisiert, denn er ist durch nichts anderes als die Nacht gekennzeichnet, die ihn umgibt und zum "Nächtlichen" werden lässt.

Der fragende Borchert & Brecht?

Die Frage, die Borchert uns den Lesern aufwirft ist eine, die uns viele Literaten in verschiedenen Kontexten fragen: "Wohin gehen wir?" Nur dass die Sache bei Borchert nochmals eine andere ist, denn "Wohin gehen wir, wenn wir gar kein zu Hause haben?" Ein wenig erinnert mich die Literatur Borcherts dabei an ein vielleicht porgrammatisches Gedicht, dass Brecht seinerzeit schrieb. Es nennt sich der Radwechsel. Da ich als Blogger selbstverständlich gezwungen bin auch das geistige Eigentum von Verstorbenen zu achten (Gott hab den Heiden Brecht seelig), muss an dieser Stelle der Verweis auf dieses Gedicht genügen. Zusammenfassend geht es um einen Reisenden, dessen Reifen am Auto gewechselt wird. Und obwohl er von einem Ort kommt, an dem er nicht gern ist und an einen Ort weiterfahren wird, an dem er nicht gern sein wird, beobachtet er den Radwechsel mit Ungeduld. Genauso mag es dem jungen Borchert ergangen sein, als er aus dem Krieg zurückkehrte. Doch gewinnt diese Frage nach dem allgemeinen Sinn in diesen Jahren nochmals eine neue Facette der Aktualität. Beeindruckend war in diesem Zusammenhang das Drama "Draußen vor der Tür", das in diesem Sinne alle Möglichkeiten des Ausgeliefertseins an diese Umstände durchspielt. Und wieder klingt ein wenig brechtsche Sozialkritik an, nur ohne den scharfen Ton, den Brecht zuweilen besitzt. Sagen wir er ähnelt dem Brecht, der das Gedicht vom Radwechsel schrieb, dem späten Brecht, der in späteren Jahren etwas ruhiger geworden ist. Doch auch im Drama Borcherts klingen teilweise sehr raue Beschuldigungen an, die ein wenig stereotyp, aus dem Repertoire heimkehrender Soldaten stammen, aber dennoch an ihrer Schärfe nichts verloren haben. 

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29.3.16

Walter Rheiner - der vergessene Dichter

Walter Rheiner Literat des Expressionismus




Im Sommer 2012 besuchte ich im Rahmen meines Studiums einen Schreibkurs zu Biografien. Wir haben dies und das besprochen und der Kurs sollte mit einem kleinen biographischen Ausschnitt abschließen. Im Vorfeld war ich mit einem Dichter namens Walter Rheiner in Kontakt gekommen, der mir durch seine Novelle Kokain aufgefallen war. Diese Geschichte war dermaßen eindringlich und emotional erzählt, dass ich mir dachte, ein solches Schicksal kann man nur aus eigenen Erfahrungen derart schildern. Ich lag nicht falsch mit meiner Annahme, sodass ich beginn mich mehr und mehr mit dem Autor selbst zu beschäftigen. Ich muss allerdings darauf hinweisen, dass derartige Rückschlüsse von Texten auf den Autor nicht immer vertretbar sind. In diesem Fall aber, bekam ich es mit einer außerordentlich interessanten Persönlichkeit zu tun. Seine Geschichte hat mich auch ein wenig persönlich berührt. Denn um mehr über den Autor zu erfahren, hab ich seine Archivdaten an der Akademie der Künste in Berlin durchgesehen. Leider darf man keine Fotoaufnahmen machen und es ist nur gestattet, handschriftliche Notizen anzufertigen. Aber der Eindruck den man bekommt, wenn man die echten Briefe und Handschriften eines Autors in den Händen hält, lässt einen so einfach nicht mehr los. Unter seinen Dokumenten befand sich sogar ein Rezept für Morphium, von dem Walter Rheiner abhängig gewesen war. Bei den meisten Dingen handelte es sich um persönliche Briefe zwischen ihm und seiner Frau oder Bittschriften in denen er nach Geld fragt. Aus all seinen Briefen hat sich mir ein detailliertes Bild geboten. Der Besuch des Archivs ist kostenlos und ich empfehle jedem, der großes Interesse an einem Autor hat, so ein Erlebnis einmal zu wagen.
Aber nun zum eigentlichen Post: 

Kurzbiografie Walter Rheiner

Ein junger Mann, gerade einmal 30 Jahre alt, entschließt sich am 12.Juni 1925 seinem Leben ein Ende zu setzen. Nachdem er an diesem so oft gescheitert ist. Am Ende seines kurzen Lebens steht eine zerrissene Liebe und Familie, eine Sucht und der Wahnsinn. Verkannt, unerhört, missverstanden und hilflos. Das ist das traurige Resümee, das Walter kurz vor seinem Ende in folgenden Zeilen zusammenfasst:
„Komm, holder Schnee! Verschütte dies schwere Herz! Mit deiner Gnade zaubre die Träne starr, so aus der ewigen Quelle rinnet, täglich geboren, geliebt noch immer. O gib, daß mir aus dieser verlorenen Qual, der bittern, werde das große, das ernste Grab, darin ich mich zur Ruhe finde: weinende, liebend erlöste Seele.“
Diese Zeilen sind das Ende eines Werkes, das unvollendet blieb. Er schrieb sie, bevor er sich eine Überdosis Morphium in einem Viertel in Berlin verabreichte. Die Welt nahm davon keine Notiz. Ein solcher Selbstmord eines Süchtigen war im Berlin der 20er Jahre keine Seltenheit. Nahezu jeder kämpfte um sein Überleben in diesen Jahren. Die wirtschaftliche Lage drängte viele Menschen in die finanzielle Enge, in Existenznöte. Der Krieg fraß sich nach wie vor durch das Leben und die Köpfe der Menschen. Auch Walter hatte stets mit existenziellen Nöten zu kämpfen. Seine Tätigkeit als Dichter ward in den Wirren dieser Jahre kaum wahrgenommen. Obschon ihn viele seiner Kollegen für einen großartigen und talentierten Geist hielten. Sogar Theodor Däubler habe er beeindruckt. Conrad Felixmüller, Maler und einer der engeren Freunde Walters, war von der Nachricht seines Todes tief erschüttert. Es ist sein Gemälde, in dem er den Stil der vergangenen Jahre des Expressionismus erneut aufgreift, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Es ist jenes Bild, das vielleicht Rheiner unsterblich machte, mehr noch als sein eigenes Werk.
Es zeigt den Dichter im Moment seines letzten Atemzuges auf dieser Welt. Die Großstadt als Symbol seiner literarischen Manie im Hintergrund abgebildet. Sein Gesicht verzerrt vom Schmerz der Welt und in der Hand das Werkzeug seines Selbstmordes: Eine Morphiumspritze.

Die Generation Rheiners

Das Schicksal Rheiners ist eines von vielen, das die Zeit zeichnete. Das Lesen seiner Gedichte und Prosa ist wie eine stille Anteilname, sie zeugt durchweg von der Zerrissenheit dieser Jahre. Denn der erste Weltkrieg leitete in Deutschland eine neue Zeit ein. Eine Zeit deren Ausmaß vielen Menschen zu Beginn des Krieges kaum bewusst war. Die letzten Kriege fanden unter der französischen Herrschaft Napoleons statt. Damit war die Grausamkeit aus vielen Gedächtnissen verschwunden. Um die Jahrhundertwende galt eine allgemeine Aufbruchstimmung. Angetrieben durch die Instustrialisierung und Technisierung glaubten die Menschen auf der Überholspur zu fahren. Man muss sich vorstellen, einige Jahre zuvor fuhr man noch mit Pferdekutschen durch die Berliner Straßen, darauf folgte der Bau der Tram durch Berlin und die Elektrifizierung der ganzen Stadt. Die Menschheit glaubte an der Schwelle zu etwas Großem zu stehen, einer Veränderung zur Überwindung der festgefahrenen Strukturen. An einem Punkt, an dem es nur einen Weg gab: Hinaus aus den konservativ-bürgerlichen Gesellschaftsverhältnissen hin zu einem Leben, das echt ist, und frei erkämpft. Alles Neue übte eine Unglaubliche Anziehungskraft aus, der Geist der Moderne ist die grenzenlose Bejahung all dessen was unbekannt neu und fortschrittlich ist. Danach strebte man bis hin zur Selbstaufgabe. Die Industrialisierung und Technisierung hatte selbst den Kleinbürger und den Arbeiter erfasst. Wie berauscht vom Wind der Zukunft glaubte man sich immer wieder übertreffen zu müssen, sei es in der Technik, der Wissenschaft, in den sozialen Entwicklungen oder in der Kunst. Daher strebten nicht selten vor allem die Künstler nach den Wegen des Außergewöhnlichen, nach Großen Taten, abseits von rationalem Handeln. Kurzum: Es machte sich ein Gefühl, ein Pathos breit, dass nach Veränderungen strebte und bereit war hierfür über Leichen zu gehen. Aus dieser Haltung heraus folgte eine der größten Erschütterungen der Menschheit, die unglaubliche Folgen nach sich führte: Der 1.Weltkrieg. So groß die Kriegsbegeisterung dieser Tage auch gewesen sein mag, so gab es doch auch Menschen, die nicht vollständig dieser Hysterie unterlagen, auch wenn diese eindeutigen Antikriegsstimmen im Toben der aufgebrachten Menge verhallten. Unter Ihnen befand sich auch der Dichter Walther Rheiner, der wie viele Künstler nie ein politischer Akteur gewesen war. Doch diese Ereignisse sollten niemanden unberührt lassen. Das was den Expressionismus zu dem Macht, was er aus heutiger Sicht darstellt, wurde in den Schrecken des ersten Weltkrieges geboren: Die Kunstform einer überhitzten Gesellschaft, die einem hemmungslosen Selbstzerstörungstrieb nachgeht. Es gab wohl nicht viele Wege sich dem Werdegang des Soldaten als fronttauglicher Mann zu entziehen. Und die, die nicht mutig genug waren, sich an der Front selbst kriegsuntauglich zu machen ohne dabei verurteilt zu werden, sahen sich gezwungen andere Wege zu finden. Walter Rheiner entschied sich für eine Möglichkeit, die sein ganzes späteres Leben eingehend bestimmen sollte: KOKAIN.

Walter Rheiner und der Krieg

Dennoch machte auch Rheiner einige Erfahrungen an der Kriegsfront, die ihn wahrscheinlich in diesem Ausweg bestätigten. Nicht jeder bejahte den Krieg, vor allem nicht die, die ihn selbst erlebt hatten. Denn der Fortschritt der Industrialisierung zeigte sich vor allem auf dem Schlachtfeld. Neuartige Waffen, flächendenkende Zerstörung, Giftgas und Tod. Diese Erfahrung ist ausnahmslos an keinem Dichter dieser Jahre spurlos vorbeigegangen. Es werden Stimmen laut, die den Untergang der Welt verkünden, unter dem Bombenhagel, der auf sie niederregnet. Und auch Rheiner schreibt einen kleinen Prosatext, ganz in expressionistischer Manier, der den Schrecken des Krieges festhält. Aber Rheiner bedient sich hier einer nüchternen und dennoch ausdrucksstarken Sprache, die das Beschriebene nur noch anschaulicher machen. Diese „Drei Fragmente aus einer Kriegsnovelle“ lassen erahnen wie viel autobiographisches Material in ihm steckt. Hier ist von feurigen Bändern die Rede, die den Atem der Menschen zuschnüren, von Leichenduft und verhallenden Befehlen der Offiziere unterm brennenden Himmel. Man kann sagen, dass diese Erfahrungen den Dichter nachhaltig beeinflusst haben. Wenn er auch nicht in vielen seiner Texte den Krieg zitiert, so merkt man ihm und allgemein dem Zeitgeist diese verstörende Komponente an. Rheiner sucht Schutz vom Krieg. Er flieht nach Berlin, was seine zweite Sucht ausmachen wird: Die Großstadt. 

Drogensucht

Für ihn begann die Entscheidung gegen den Krieg, mit einer für eine Droge an dem auch viele weitere Größen der Kunst und Wissenschaft ihre Seele verlieren sollten (Beispiel Freud und das Kokain). Im Falle Rheiners kann man jedoch vielmehr von einer Entwicklung sprechen, die ihn zu dem machte, was seinen Nachlass ausmacht. „Sie“ gab ihm die Gedanken, die er in seinen Texten verfestigte. Sie war seine Triebfeder, die schließlich, den bedeutendsten Text seines Oevres ermöglichte. Und so wiedersinnig es klingen mag, möglichweise wäre aus ihm ohne diese Erfahrungen nie ein echter Dichter des frühen 20.Jahrhunderts geworden. Doch so sehr seine Kunst möglichweise zumindest zeitweise von diesen Erfahrungen zu profitieren scheint, so bitter scheiterte er am Leben selbst. In häufiger Armut lebend, zeugen auch seine zahlreichen Bittschriften und Briefe aus dem Nachlass von einem existenzbedrohten Dichter. Sogar an Walther Rathenau richtet er Bitten um etwas Geld zum Lebensunterhalt. Dort heißt es: „…gewähren Sie mir als einem jungen Berliner Dichter und Schriftsteller mit Familie (Frau und 2 Kindern) … Unterstützung … in größter wirtschaftlicher Bedrängnis.“ Seine Geldprobleme ziehen sich durch das gesamte Leben Rheiners.

Zerbrechen sozialer Beziehungen

Seine Frau Friedericke Olle, die er im Februar 1918 in Berlin heiratet, scheint sehr betroffen vom Schicksal ihres Mannes. Liebt ihn bis zuletzt mehr aus Mitleid. Die Anklagen ihrerseits am Lebenswandel Rheiners werden immer lauter: „Ich will dich nicht im geringsten kränken, aber wenn Du in Zukunft nicht wichtigere Werke schaffen würdest, so hätte ich zu viel von dir gehalten.“ Dieser Brief 1920 an Walter Rheiner-Schnorrenberg gerichtet, zeugt von der tiefen Kluft, die Rheiner in die Beziehung beider gerissen hat. Es ist ein harter Ton, ein anklagender. In den Jahren zuvor scheint sie noch ebenso zu leiden, unter der Sucht, die ihn plagt, unter seinem Misserfolg. Die Briefe dieser Zeit sind emotional, angespannt. In einem Tagebucheintrag schreibt „Fo“, wie Rheiner seine Frau liebevoll nennt: „… er sah eben so blaß aus und als er heute Abend nach Hause kam, fieberte er sogar, aber nicht allein vor Kummer, sicher ganz unabhängig davon…“. „Ich war lieb zu ihm, kühlte seine Stirn, wir sind noch böse zueinander und ich habe einen Stolz, der mir verbietet ihm näher zu treten…“. „Ich bin nicht mehr seine Fo.“ „Er sagte es ja vor ein paar Tagen klar … an meinem Buche hast du keinen Teil!“. Es sind die Worte einer verzweifelten Frau, die nicht weiß, wie sie ihm helfen kann. Seine Erfahrungen dieser Tage verarbeitet Rheiner im berühmten seiner Texte, dem er den Titel „Kokain“ gibt. In einer Art autobiographischer Manier lässt er einen verkommenen Burschen durch die Nacht Berlins irren, auf der Suche nach dem Glück, getröstet mit Kokain. Hier wird vor allem das Ausmaß deutlich, welches den Dichter längst erreicht zu haben scheint. Denn eines ist ganz klar, diese Worte sind die Worten eines erfahrenen Drogensüchtigen, die keiner Phantasie zu entspringen mögen. Auch wenn er sich nicht explizit als Person dieser Handlung bezeichnet, so ist es genau Rheiner, den man aus diesen Zeilen herausliest. Sein Schicksal, sein Leben. Die Worte sind tief zerreisend, emotional. Das Ende der Geschichte ist ein Selbstmord mit einer Pistole. In den Kopf geschossen, am Ende einer qualvollen Nacht voll Qualen durch den Entzug der Droge. Es ist das gleiche Schicksal, dass auch den Verfasser dieser Zeilen ereilen wird, nur dass er einen sanften Weg sucht. Es scheint als ob Rheiner hier eine Prophezeiung dessen liefert, was mit ihm unweigerlich passieren wird. Dieser Ton lässt sich ebenso aus dem Text herauslesen. Er schreibt in einer Gewissheit, die diese Erzählung genauso abschreckend wie faszinierend wirken lässt. Es sind die Worte eines Toten.


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12.6.13

Gedicht 1886 - Gottfried Benn


Im folgenden soll das Gedicht "1886" vom Expressionisten Gottfried Benn näher untersucht werden. Unter dem Aspekt auch allgemeingültige Aussagen über seine Lyrik und die der Moderne und dem Expressionismus zu treffen. [Leider kann ich das Gedicht selbst aus Urheberrechtsgründen nicht zur Verfügung stellen]
Das Gedicht von Benn entstand 1944. Zusammengefasst ist es eine Biographie. Die Formgestaltung bedient sich dabei der Collage, einer Form die bis dato in der Lyrik ungewöhnlich ist. Bevor ich auf den Text selbst eingehe, werde ich noch ein paar allgemeine Zusammenhänge und Rahmenbedingungen skizzieren.


Moderne sprengt lyrische Formen


Bis in die Moderne, die etwa um 1900 in Deutschland in der Literatur beginnt, überwiegen klassisches Pathos und strenge Formen die Literatur. Doch bereits der Naturalismus hat damit begonnen neue Formen in die strenge Lyrik vergangener Jahrhunderte einzuführen. Ein absoluter ist hier Arno Holz mit seiner "Revolution der Lyrik". Er forderte eine Annäherung an einen natürlichen Rhythmus der Sprache. Diese Vorstellung liegt beispielsweise der strengen Form des Sonettes fern. Hier werden Metrum, Reim und Strophenzahl streng vorgeschrieben. Man versuchte in der Moderne sich von Formen wie dieser abzuwenden. Die Begründung dafür liegt ihm neuen Lebensgefühl der Moderne. Sie versteht sich als eine vorwärtsgewandte Lebenshaltung, die den absoluten Anspruch an das Leben in der Gegenwart stellt. Konzepte wie die Formsprache des Mittelalters oder der Antike ließen sich damit nicht vereinbaren. 

Neue Formen


So entdeckte die Moderne eine Menge neuer Formen für sich. Man experimentierte und es bildeten sich im Wesentlichen zwei Lager heraus. Die rückwärtsgewandten Renaissancen, die nicht so recht mit der Vergangenheit brechen wollten. Sie versuchten alte Formen in die Gegenwart zu übertragen. Ein Beispiel hierfür sind beispielsweise die Anhänger des Symbolismus. Bei diesem Lager der Autoren handelt es sich zwar dem Inhalt nach um moderne Literatur. Die Form nimmt aber Bezug auf vergangenes. Diese Haltung wurde von den konsequent modernen Autoren verächtlich als Epigonentum bezeichnet. Nach ihrer Ansicht lassen sich Geisteshaltungen der Klassik und Antike nicht mehr in der Moderne nachweisen. Die Folge sei eine Delegitimierung von Form und Inhalt. Eine Literatur, die dies nicht akzeptiere kann damit keine reale sein. Sie verliert sich im Nachhängen an der Vergangenheit. Dies wird unter anderem dem Symbolismus in gewisser Weise vorgeworfen.
Die Avantgarden versuchten stattdessen den absoluten Modernismus auszuleben und alles neue zu probieren. Auch die Form der Collage wie in diesem Gedicht Benns ist ein solcher Ausdruck dieses Modernismus. 

Form Gottfried Benns 1886

Es handelt sich beim Gedichts Benns um ein Montagegedicht. Es setzt sich aus Textteilen einer Zeitung zusammen. Doch die Textteile stehen in keinem willkürlichen Verhältnis zueinander. In ihrer Gesamtheit und Konstellation geben sie die Ereignisse des Geburtsjahres Gottfried Benns wieder. Dadurch, dass Benn diese Texte quasi aus zweiter Hand nimmt, entziehen sie sich der Subjektivität. Was nicht bedeutet, dass sie nicht expressiv sein können. Es handelt sich damit um eine erlebnishafte Schilderung der Umstände um Benns Geburt im Jahr 1886. Der Bruch mit der Vergangenheit ist überdeutlich. Was zuvor als durchkomponiertes Gesamtkunstwerk erstrahle, wird hier auf den Inhalt einer Zeitung reduziert. 
Auffallend ist jedoch der Eingang des Gedichtes. Er beginnt mit der Schilderung allgemeiner Sachverhalte wie dem Wetter. Denkt man hier an die Lyrik des Mittelalters mit ihren Natureingängen in der Minnelyrik so lassen sich möglicherweise Parallelen entdecken. 
Die Leistung ein Gesamtkunstwerk entstehen zu lassen wird in diesem Gedicht scheinbar nicht  mehr vom Autor selbst vollbracht, sondern vom Leser. Er stellt assoziativ und semantisch einen Zusammenhang zwischen den Textzeilen her. Damit steht sich in der Form der Gegensatz von Heterogenität und Homogenität gegenüber. Dabei werden auch Effekte der Ironie erzeugt, wenn bestimmte Zeilen des Gedichtes aufeinander treffen.


Weiteres über Benn

Benn gehört zu den interessantesten Expressionisten der Literatur. Er war einer der wenigen Autoren, die auch nach dem Jahrzehnt des Expressionismus etwa 1910 bis 1920 weiter experimentierten, als andere Autoren die Strömung bereits als ideologisch überholt aufgaben. Er gilt als der Entwickler der "absoluten Prosa". Dabei handelt es sich um eine Verwendung der Sprache, die in der Lage ist sich eigene Konstrukte zu schaffen, eine eigene Welt wenn man so will, in der alles so logisch, geschlossen und widerspruchsfrei ist, wie das Individuum sich dies für den Aufbau einer konsistenten Identität erhofft. Damit ist er einer der Autoren, die sehr aktiv an der Gestaltung moderner Lyrik mitgewirkt haben. Auch im Bereich der Epik, die von Expressionisten relativ selten bearbeitet wurde, gilt er als ein Wegbereiter moderner Erzählkunst. Besonders hervorheben möchte ich die Novellensammlung "Gehirne" auf die möglicherweise noch eingegangen wird.

9.8.11

Metropolis (1925) - Fritz Lang

Film Weimarer Republik, ExpressionismusMetropolis ist einer der Klassiker des Stummfilms des Kinos der Weimarer Republik. Er war einer der teuersten Filme, die je produziert wurden. Die Filmrollen sollen ca. 4km lang gewesen sein um wurden auf LKW verladen. Leider war der Film bei weitem nicht so erfolgreich wie erhofft. Damals ein Flop, heute Kult. Seine Geschichte steckt hinter der Ästhetik zurück. Kein Film repräsentiert besser die Vorstellungen damaliger Kunst. Er steht für eine ganze Epoche, denn der Stummfilm der Weimarer Republik erlebt hier seinen Höhepunkt. Die Handlungs ist nicht untypisch oder besonderes für die Filme dieser Zeit. Bildgewaltig. Ein Epos, in Bildern.
expressionistischer FilmDer Macher Fritz Lang entschied sich mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten für das amerikanische Exil. Leider ging durch die Wirren der ersten beiden Weltkriege viel vom Expressionismus verloren, vor allem der Nationalsozialismus schränkte das Schaffen expressionistischer Künstler massiv ein. Wobei festzuhalten sei, dass die Erfahrungen des ersten Weltkrieges eine der entscheidensten Triebfedern des Expressionismus waren. Denn wo ist der Mensch einer größeren Mechanisierung und Entgrenzung ausgesetzt als mitten an der Front in einem Krieg? 

Expressionismus Film, metropolisDie Geschichte des Filmes dreht sich um eine Zweiklassengesellschaft. Während die einen an der Oberfläche der mächtigen Großstadt leben, sind die anderen gezwungen unter der Oberfläche im Untergrund schwerste Arbeit zu leisten um die Großstadt oben am Laufen zu halten. Die Gesellschaft an der Oberfläche ist eine elitäre, die ihr Leben darauf beschränkt es sich gut gehen zu lassen. Ein Bewohner der Oberwelt entdeckt aber durch einen Zufall die Machenschaften der Visionäre der Stadt, denn die Ausbeutung der Arbeiter wird weitestgehend geheim gehalten. Schließlich entwickelt sich zwischen Freder und Maria eine Liebe. Beiden stammen jedoch aus unterschiedlichen Welten. Auf einer Blogseite gibt es eine interessante Gegenüberstellung neuerer Filme, die Anleihen bei Metropolis machen. Link

Dr. Caligari (1920) - Robert Wiene


Ein Stummfilm aus dem Kino der Weimarer Republik. Ein Regisseur, der selbst kaum bekannt wurde. Sein Film hat jedoch eine Ästhetik geschaffen, die stilprägend für eine ganze Generation von Künstlern wurde. Bekannt wurde der Film vor allem durch seine sehr expressiven Bühnenbilder. Es ist ein Spiel mit Licht und Schatten. Die Handlung ist die düstere Geschichte eines Doktors, der in der Lage ist Puppen zum Leben zu erwecken und sie zu mördern werden zu lassen. Der Film wird zum Vorreiter des expressionistischen Filmes und ein Vorbild für die spätere Noir-Ästhetik. 
Die Bühnenbilder sind bis ins Groteske verzerrt und zeigen sich in ungewöhnlichen Perspektiven. Anders als im Tonfilm lässt man hier vor allem Bilder sprechen. Später haben die Expressionisten behauptet, die Ära des expressionistischen Filmes wäre durch das Aufkommen des Tonfilms beendet worden. 
Denn die Macht der reinen Bilder wurde damit gebrochen. Doch der Stil lebte im amerikanischen Exil weiter und entwickelte sich zum Film Noir weiter, ein Stil der bis heute Einzug findet. 
Auf dem Youtube-Link kann man sich das ganze Kunstwerk anschauen. Allerdings ist es wirklich anstrengend einem Film zu folgen in dem niemand spricht. Dafür wird die Handlung von den Schauspielern vor allem pantomimisch und viel über Gestik und Mimik inszeniert. Es handelt sich also in der Regel um "sprechende" Bilder. Und wenn es nötig ist dem Zuschauer wichtige Informationen mitzuteilen, dann werde das über kurze Texteinblendungen realisiert. 
Und wahrscheinlich wurde auch der Film: "Das Kabinett des Dr. Parnassus"  von Terry Giliam, der unter anderem Brazil hervorbrachte, von diesem Film inspiriert. Immerhin weist er viele Parallelen auf, wie den verrückten Schausteller, der auf Jahrmärkten seine Fähigkeiten zur Schau stellt. Das Kabinett findet aber hier viel mehr in den Köpfen seiner Opfer statt. Dadurch trennt der Film klar die Realität von der Welt seines Kabinetts ab. Die verworrene Welt wird hier durch einen Spiegel betreten, auch hier kommt es zu einem Spiel aus Angst und Verfolgung, aus der Wirkung fremder Kräfte.

Choral vom Baal - Bertolt Brecht



Choral vom Manne Baal

1
Als im weißen Mutterschoße aufwuchs Baal,
War der Himmel schon so groß und still und fahl
Jung und nackt und ungeheuer wundersam,
Wie ihn Baal dann liebte, als Baal kam.

2
Und der Himmel blieb in Lust und Kummer da,
Auch wenn Baal schlief, selig war und ihn nicht sah:
Nachts er violett und trunken Baal,
Baal früh fromm, er aprikosenfahl.

3
In der Sünder schamvollem Gewimmel
Lag Baal nackt und wälzte sich voll Ruh:
Nur der Himmel, aber immer Himmel,
Deckte mächtig seine Blöße zu.

4
Alle Laster sind zu etwas gut
Und der Mann auch, sagt Baal, der sie tut.
Laster sind was, weiß man, was man will.
Sucht euch zwei aus: eines ist zuviel!

5
Seid nur nicht faul und so verweicht,
Denn Genießen ist bei Gott nicht leicht!
Starke Glieder braucht man und Erfahrung auch:
Und mitunter stört ein dicker Bauch.

6
Zu den feisten Geiern blinzelt Baal hinauf,
Die im Sternenhimmel warten auf den Leichnam Baal.
Manchmal stellt sich Baal tot. Stürzt ein Geier drauf,
Speist Baal einen Geier, stumm, zum Abendmahl.

7
Unter düstern Sternen in dem Jammertal
Grast Baal weite Felder schmatzend ab.
Sind sie leer, dann trottet singend Baal
In den ewigen Wald zum Schlaf hinab.

8
Und wenn Baal der dunkle Schoß hinunterzieht:
Was ist Welt für Baal noch? Baal ist satt.
So viel Himmel hat Baal unterm Lid,
Dass er tot noch grad gnug Himmel hat.

9
Als im dunklen Erdenschoße faulte Baal,
War der Himmel noch so groß und still und fahl,
Jung und nackt und ungeheuer wunderbar,
Wie ihn Baal einst liebte, als Baal war.


(aus dem gleichnamigen Drama: Baal, des jungen Brechts.)


Rausch und Vitalismus!
Das vorliegende Gedicht stellt eine Art Zusammenfassung der Handlung in Bezug auf das Drama Baal dar. In der zweiten Fassung des Dramas ist es dem eigentlichen Stück vorangestellt um als Verfremdungsmittel den Zuschauer zu irritieren. Denn es nimmt die Handlung des folgenden Dramas vorweg. Es wird daher hier auch ein wenig auf das Drama einzugehen sein, obwohl man es als eigenständiges Gedicht betrachten kann.
Der Verfremdungseffekt im Baal ist Teil der späten Theorie vom epischen Theater. Das Gedicht verkörpert eine Lebenseinstellung, die vor allem dem Autor Brecht selbst sehr nahe kommt. Das gefiel mir. Es handelt sich also um ein sehr persönliches Gedicht. Überhaupt ist Brecht in seinen ersten Werken noch sehr selbstbezogen, man möchte fast sagen ein egomaner Egoist. Aber, diese Tendenz kann man bei sehr vielen jungen Autoren beobachten. Sein Schreibstil kennt keine Tabus (man denke hier an das Gedicht vom Abort; auch im Baal zu finden) und doch schwebt er in Sphären, die so weit weg liegen, von bloßer Schwärmerei und Trivialität. 
Das Gedicht vermittelt ein lebensbejahendes Gefühl, ein Alles-auskosten-müssen. Und trotz des hier anklingenden Vitalismus, wird auch das Nichts der Existenz spürbar. Ein Anklang an den Nihilismus, als dessen Vater der Philosoph Friedrich Nietzsche angesehen wird. Das äußert sich beispielsweise in der zweiten Verszeile. Auch als Baal aufwuchs existierte der Himmel schon. Es war alles schon da. Er wird dazu weder etwas beitragen, noch wird er die Welt wie sie ist, beeinflussen können. 
Weiterhin klingt eine besondere Innigkeit zur Natur an, die im Drama selbst noch oft auftaucht. Wie beispielsweise der unerklärliche Kult, den Baal um den Wald macht. Es ist eben das Tier und die Natürlichkeit, der Trieb, den Baal verkörpert. Etwas menschliches, das doch jeder in sich trägt. Das ist, was Brecht hier zum audruck bringen will. Indem er dem Drama Baal den Untertitel: "Baal frisst! Baal tanzt!! Baal verklärt sich!!!" anhängt. Und obwohl es eine Magie der Natur gibt, von der Baal sich angezogen fühlt, bleibt er ihr gegenüber eher distanziert. 
Überhaupt tut Baal wonach ihm der Sinn steht. Er lebt den konsequenten Vitalismus, der sich hier vor allem in einer Art Gleichgültigkeit gegenüber allem fremden manifestiert. Das was anderen Menschen hier als Sünde zugesprochen wird und kein Teil von gesellschaftlicher Sitte ist, ist für Baal Normalität. Konventionen und Normen interessieren ihn nicht. Das was die Allgemeinheit als Laster betrachtet, ist für ihn nur eine Form zu leben. Denn Leben gestaltet sich nach seinen Vorstellungen nur durch das Streben nach Befriedigungen, ganz egal welche moralischen Vorstellungen der Gesellschaft versuchen dies zu reglementierten. 
Trotzdessen, dass hier schon auf eine gewisse nihilistische Lebenseinstellung vertreten wird, leugnet Baal nicht die Anwesenheit Gottes. Aber genau genommen ist er es selbst, den er für Gott hält. (Baal bedeutet in der Übersetzung Gott oder Herrscher). Er verhöhnt Gott und die, die sich was aus Glauben machen. Selbst der Tod kann ihn nicht beeindrucken, er wird hier im Gedicht durch die Geier symbolisiert.  Auch nachdem Baal tot ist, wird wieder ein Hinweis auf das Nichts von dem die Welt durchdrungen ist, gegeben. Denn Baal war einst, er liebte, er war nackt, doch nun fault er ebenso. Und der Himmel existiert noch immer. Auch ohne Baal. Vom Stil her ist es schwierig zuzuordnen. Der frühe Brecht bewegt sich noch im vom Expressionismus beeinflussten Metier. Kann aber mit der Weltanschauung der Expressionisten, die dem Verlust der Identität und des Sinns nachtrauern nichts anfangen. Das Leben ist selbstzweck. So könnte man die hier vertretene Einstellung zusammenfassen. Später nähert sich Brecht dem Stil der Neuen Sachlichkeit. Er bewahrt sich aber immer seinen Brechtschen Stil, der immer wieder für Überraschungen bekannt ist, und weder Hohn noch Kritik scheut.[1][2]
Der späte Brecht entfernt sich also immer mehr vom Pathos der Expressionisten. Auch das Drama Baal sollte bereits ein Gegenentwurf zum Pathos des Expressionismus werden. Jedoch finden sich viele Stilmittel des Expressionismus in diesem Drama. 

Mittlerweile existiert auch eine Hörfassung sowie ein Film jeweils von Mathias Schweighöfer. In jedem Fall hörens- wie sehenswert.




[1] Damm, Benjamin: Baal und das Epische Theater. Grin 2011.
[2] Müller, Klaus-Detlef: Bertolt Brecht. Epoche - Werk - Wirkung. München: Beck 1985. S.90-99.