Literatur des Expressionismus Robert Musil

dynamisch

"Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen, wie Menschen." [R. Musil]

Stilmittel des Expressionismus Friedrich Nietzsche

transitiv

"Wenn man nicht feste, ruhige Linien am Horizont hat, so wird der innerste Wille selbst unruhig." [Nietzsche]

Literatur des Expressionismus

laut

"In einer Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung." [O. Wilde]

Bertolt Brecht und der Stil des Expressionismus

berauschend

"In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung." [B. Brecht]

expressionistische Literatur

lebendig

"Fragend, findet man die Stadt. [Anonym]"

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10.4.16

Die Farbe Blau im Expressionismus

Farbsymbolik bei Gottfried Benn

Einführung:

Ürsprünglich war dieser Text für den Artikel zu  Gottfried Benn vorgesehen. Aber nachdem das Thema etwas aus dem Ruder lief, habe ich mich entschlossen es einmal gesondert anzugehen.

Farbsymbolik im Expressionismus

Eine beliebte Frage, oder besser gesagt ein Rätsel rund um den Expressionismus ist die Begeisterung für die Farbe Blau. Darauf versucht man immer wieder eine Antwort zu finden. Befriedigend wird diese nicht sein, denn eine eindeutige gibt es nicht. Es ist aber schon sehr auffallend, wie manche Autoren, darunter auch Benn gern die Farbsymbolik des Blauen nutzen, um scheinbar chiffrierte Verse zu konstruieren, die schwer zu deuten sind. Allgemein ist der Expressionismus eine der Stilrichtungen, die sich schwer deuten lassen. 

Ich würde frech behaupten, dass der Expressionismus nicht gedeutet werden möchte. Zumindest nicht immer. Der Fall ist so gelagert, dass der Expressionismus wie die Bezeichnung auch schon andeutet, expressiv vorgeht, energiegeladen und wahnsinnig emotional. Er zielt gerade darauf ab extrem zu sein und durch völlige Überreiztheit in uns Bilder zu erzeugen (siehe auch "Stilmittel des Expressionismus"). Da kommt die Farbsymbolik ganz gelegen.


Farben und Emotionen

Denn wir alle kennen die Interpretation von Farben wie Rot steht für Leidenschaft, Wut, Impulsivität. Grün für die Natur, Hoffnung. Blau steht dabei für Kälte, die Farbe des Himmels, Sehnsucht und Klarheit. Ganz gleich wie der Expressionismus sich Farbsymbolik zu Nutze macht, denn es ist Vorsicht geboten, der Expressionismus greift nicht selten Traditionen und Konventionen auf, um sie zu zerbrechen. Das heißt eine Erklärung zur Deutung der blauen Farbsymbolik kann genauso gut voll ins Leere laufen. Es geht meiner Meinung nach um den allgemeinen Umstand, dass wir Menschen Farben mit Emotionen verbinden, sie emotionalisieren und ihnen damit indirekt Gefühle geben. Trotzdem werde ich es nicht unversucht lassen einmal einen weiteren Versucht zu starten, sich der Interpretation zu nähern. Ich muss aber anmerken, dass man an dieser Stelle für meine Begriffe den literaturwissenschaftlichen Bereich verlässt, da der Ansatz sehr hermeneutisch ist. 


Farbwirkung

Blau ist  kalt, also nüchtern und auch klar. Menschen sind das Gegenteil davon, sie sind gefühlvoll, warmherzig (im Optimalfall). Das wäre schon eine Erkenntnis, die man festhalten kann. Blau ist also das, was ein Mensch nicht ist. Also wirkt die Emotion in Blau unmenschlich kühl und vielleicht fremd. 

Blau ist auch das Symbol für Ferne, der Himmel ist blau und der ist nun mal fern. Wenn wir in die Ferne schauen, auf dem Meer, ins Unendliche sehen wir nichts mehr außer dem Himmel. Auch damit scheint blau wieder irgendetwas von Ferne als Gegenteil von Nähe (Rot steht für Leidenschaft und damit menschlicher Nähe) zu bedeuten. (Auch das halten wir fest).

Denn damit verbindet man auch Sehnsucht, für alle die sich gern in die Ferne träumen. Mit träumen, Sehnsucht und Ferne verbindet der eine oder andere wahrscheinlich auch Melancholie und Nachdenklichkeit. Das ist gar nicht so weit hergeholt. Im Englischen existiert beispielsweise die Aussage: "feel blue". Damit ist nicht das gleiche wie im Deutschen gemeint, sondern es drückt aus, dass man nachdenklich, traurig und melancholisch ist. 

Blau steht außerdem oft für Mystik und Magie. Belege findet jeder wahrscheinlich selbst heraus. Als letztes glaube ich, dass Blau zum Beispiel in der Natur recht selten ist, abgesehen vom blauen Himmel und dem Wasser. So haben blaue Blumen, blaue Edelsteine, allesamt eine Anziehungskraft des Besonderen.

Ich möchte jetzt die esoterische Ebene wieder verlassen, ohne aber die Grundgedanken zu vergessen. Blau ist kalt, fern, Sehnsucht und Melancholie. Farben haben seit jeher Bedeutungen für Menschen, auch für jeden persönlich das darf nicht vergessen werden. Eine Interpretation kann auch aus diesen Gründen schief gehen. Vielleicht mochte Benn die Farbe Blau einfach besonders? Denn er hat ein anderes Lieblingsmotiv die Aster, die kann auch blau sein. Alles wohlmöglich eine persönliche Vorliebe? Dafür ist die Tendenz der blauen Farbsymbolik in der Literatur allerdings ein wenig zu eindeutig, oder? Man denke hier an den Blauen Reiter, einer Gruppe aus Malern. Aber der Expressionismus lehnte offen die Interpretierbarkeit seiner Texte ab, man sollte stattdessen das Wesen der Dinge erleben, und das kann der Mensch anhand der Gefühlsebene.


Textausschnitte

Widmen wir uns an der Stelle ein paar Textausschnitten von Benn:

"Jetzt saß er auf einem Eckplatz und sah in die Fahrt: es geht also durch Weinland, besprach er sich, ziemlich flaches, vorbei an Scharlachfeldern, die rauchen von Mohn. Es ist nicht allzu heiß; ein Blau flutet durch den Himmel, feucht und aufgeweht von Ufern; an Rosen ist jedes Haus gelehnt, und manches ganz versunken." (aus Gehirne - Gottfried Benn)

"...ich schwinge wieder – ich war so müde – auf Flügeln geht dieser Gang – mit meinem blauen Anemonenschwert..." (aus Gehirne - Gottfried Benn)

"Du bist so weich, du gibst von etwas Kunde,
von einem Glück aus Sinken und Gefahr
in einer blauen, dunkelblauen Stunde
und wenn sie ging, weiß keiner, ob sie war."
(aus dem Gedicht "Blaue Stunde" - Gottfried Benn)

So oft er auch Blau als symbolträchtige Farbe verwendet wie in diesen kurzen Stichproben, würde ich diese Tatsache nicht überbewerten. Ebenso verwendet er andere Farben wie hier:

"Braun wie Kognak. Braun wie Laub. Rotbraun. Malaiengelb [...] Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun" (aus dem Gedicht D-Zug - Gottfried Benn)


Neologismen und Geheimnisse

Dabei fällt sogar noch eine Besonderheit auf, es finden sich Neologismen darin, Wortneuschöpfungen um Beziehungen zwischen fremden Wörter herzustellen, um das Wesen der Dinge zu verändern. Bedeutungsebenen hinzuzufügen, die es vorher nicht gibt. Auffällig ist dabei allerdings die häufige Farbsymbolik, die allgemein verwendet wird. Warum der Blaue Reiter blau verwendete? Kandinsky und Franz Marc mochten die Farbe einfach, das sagten sie selbst. Also eine persönliche Präferenz. Was Benn angeht und auch andere Expressionisten, würde ich Abstand nehmen von zu tiefgehenden Interpretationen. Wer in der Schule Gedichte Interpretiert widmet sich hauptsächlich der Hermeneutik, man versucht zu dechiffrieren und Bedeutungen zu extrahieren. Wer Literaturwissenschaft betreibt weiß, das ist gerade mal eine Herangehensweise. Zur Interpretation vor allem des Expressionismus ist es wichtig das Wesen der Dinge zu Erfassen und zwar emotional und abzubilden was der Autor durch die Auswahl seiner Worte versuchte mitzuteilen. Das heißt, hier spielt vor allem die Semantik der Begriffe die Hauptrolle und die Verbindungen zwischen fremden Sachverhalten die entstehen.


Interpretation von Farben

Wer gern mit Farbsymbolik arbeitet, die sehr bedeutungsträchtig ist, sollte in der Romantik danach suchen. Denn anders als der Expressionismus ist die Farbsymbolik mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr gezielt eingesetzt. Das bedeutet nicht, dass der Expressionismus das beliebig tut, nur die Ebene der Bedeutung ist eine andere. Um abschließend zur Thematik nochmal deutlicher zu werden, beim Blauen Reiter ist nicht die "Lieblingsfarbe Blau das Besondere", sondern der Titel selbst, dass ein Reiter nicht blau ist, die Wirkung die es entfaltet, soll den Hörer emotional treffen und aufwühlen, und nicht eine verschlüsselte Nachricht zu überbringen.

Der Expressionismus ist sich dessen bewusst, dass der Mensch versucht die Dinge zu verstehen die er dort liest, die zweifelsohne schwer zugänglich sind. Es ist genau dieses Spiel aus dem Bruch mit Erwartungen aus dem Anderssein. Der Expressionismus war eine Rebellion gegen einen Zeitgeist, ein Aufbegehren. Es geht hierbei nicht um das Verstehen im eigentlichen Sinne. Denn nicht vergessen Expressionismus steht für Expressivität und Gefühl. Der Symbolismus oder wie erwähnt die Romantik bieten hierfür bessere Angriffsflächen.


Syllabus

Abschließend noch ein Gedicht, das alles gut zusammenfasst. Es ist nebenbei gesagt eines meiner Lieblingsgedichte des Expressionismus. Weil es so viel Wahrheit enthält und pointiert ausdrückt, was der Expressionismus verlangt.

Der Spruch - Ernst Stadler
In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort, 
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort: 
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe, 
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe, 
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge, 
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschloßne Tore trüge, 
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt, 
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt, 
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht, 
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht, 
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich, 
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!


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29.3.16

Walter Rheiner - der vergessene Dichter

Walter Rheiner Literat des Expressionismus




Im Sommer 2012 besuchte ich im Rahmen meines Studiums einen Schreibkurs zu Biografien. Wir haben dies und das besprochen und der Kurs sollte mit einem kleinen biographischen Ausschnitt abschließen. Im Vorfeld war ich mit einem Dichter namens Walter Rheiner in Kontakt gekommen, der mir durch seine Novelle Kokain aufgefallen war. Diese Geschichte war dermaßen eindringlich und emotional erzählt, dass ich mir dachte, ein solches Schicksal kann man nur aus eigenen Erfahrungen derart schildern. Ich lag nicht falsch mit meiner Annahme, sodass ich beginn mich mehr und mehr mit dem Autor selbst zu beschäftigen. Ich muss allerdings darauf hinweisen, dass derartige Rückschlüsse von Texten auf den Autor nicht immer vertretbar sind. In diesem Fall aber, bekam ich es mit einer außerordentlich interessanten Persönlichkeit zu tun. Seine Geschichte hat mich auch ein wenig persönlich berührt. Denn um mehr über den Autor zu erfahren, hab ich seine Archivdaten an der Akademie der Künste in Berlin durchgesehen. Leider darf man keine Fotoaufnahmen machen und es ist nur gestattet, handschriftliche Notizen anzufertigen. Aber der Eindruck den man bekommt, wenn man die echten Briefe und Handschriften eines Autors in den Händen hält, lässt einen so einfach nicht mehr los. Unter seinen Dokumenten befand sich sogar ein Rezept für Morphium, von dem Walter Rheiner abhängig gewesen war. Bei den meisten Dingen handelte es sich um persönliche Briefe zwischen ihm und seiner Frau oder Bittschriften in denen er nach Geld fragt. Aus all seinen Briefen hat sich mir ein detailliertes Bild geboten. Der Besuch des Archivs ist kostenlos und ich empfehle jedem, der großes Interesse an einem Autor hat, so ein Erlebnis einmal zu wagen.
Aber nun zum eigentlichen Post: 

Kurzbiografie Walter Rheiner

Ein junger Mann, gerade einmal 30 Jahre alt, entschließt sich am 12.Juni 1925 seinem Leben ein Ende zu setzen. Nachdem er an diesem so oft gescheitert ist. Am Ende seines kurzen Lebens steht eine zerrissene Liebe und Familie, eine Sucht und der Wahnsinn. Verkannt, unerhört, missverstanden und hilflos. Das ist das traurige Resümee, das Walter kurz vor seinem Ende in folgenden Zeilen zusammenfasst:
„Komm, holder Schnee! Verschütte dies schwere Herz! Mit deiner Gnade zaubre die Träne starr, so aus der ewigen Quelle rinnet, täglich geboren, geliebt noch immer. O gib, daß mir aus dieser verlorenen Qual, der bittern, werde das große, das ernste Grab, darin ich mich zur Ruhe finde: weinende, liebend erlöste Seele.“
Diese Zeilen sind das Ende eines Werkes, das unvollendet blieb. Er schrieb sie, bevor er sich eine Überdosis Morphium in einem Viertel in Berlin verabreichte. Die Welt nahm davon keine Notiz. Ein solcher Selbstmord eines Süchtigen war im Berlin der 20er Jahre keine Seltenheit. Nahezu jeder kämpfte um sein Überleben in diesen Jahren. Die wirtschaftliche Lage drängte viele Menschen in die finanzielle Enge, in Existenznöte. Der Krieg fraß sich nach wie vor durch das Leben und die Köpfe der Menschen. Auch Walter hatte stets mit existenziellen Nöten zu kämpfen. Seine Tätigkeit als Dichter ward in den Wirren dieser Jahre kaum wahrgenommen. Obschon ihn viele seiner Kollegen für einen großartigen und talentierten Geist hielten. Sogar Theodor Däubler habe er beeindruckt. Conrad Felixmüller, Maler und einer der engeren Freunde Walters, war von der Nachricht seines Todes tief erschüttert. Es ist sein Gemälde, in dem er den Stil der vergangenen Jahre des Expressionismus erneut aufgreift, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Es ist jenes Bild, das vielleicht Rheiner unsterblich machte, mehr noch als sein eigenes Werk.
Es zeigt den Dichter im Moment seines letzten Atemzuges auf dieser Welt. Die Großstadt als Symbol seiner literarischen Manie im Hintergrund abgebildet. Sein Gesicht verzerrt vom Schmerz der Welt und in der Hand das Werkzeug seines Selbstmordes: Eine Morphiumspritze.

Die Generation Rheiners

Das Schicksal Rheiners ist eines von vielen, das die Zeit zeichnete. Das Lesen seiner Gedichte und Prosa ist wie eine stille Anteilname, sie zeugt durchweg von der Zerrissenheit dieser Jahre. Denn der erste Weltkrieg leitete in Deutschland eine neue Zeit ein. Eine Zeit deren Ausmaß vielen Menschen zu Beginn des Krieges kaum bewusst war. Die letzten Kriege fanden unter der französischen Herrschaft Napoleons statt. Damit war die Grausamkeit aus vielen Gedächtnissen verschwunden. Um die Jahrhundertwende galt eine allgemeine Aufbruchstimmung. Angetrieben durch die Instustrialisierung und Technisierung glaubten die Menschen auf der Überholspur zu fahren. Man muss sich vorstellen, einige Jahre zuvor fuhr man noch mit Pferdekutschen durch die Berliner Straßen, darauf folgte der Bau der Tram durch Berlin und die Elektrifizierung der ganzen Stadt. Die Menschheit glaubte an der Schwelle zu etwas Großem zu stehen, einer Veränderung zur Überwindung der festgefahrenen Strukturen. An einem Punkt, an dem es nur einen Weg gab: Hinaus aus den konservativ-bürgerlichen Gesellschaftsverhältnissen hin zu einem Leben, das echt ist, und frei erkämpft. Alles Neue übte eine Unglaubliche Anziehungskraft aus, der Geist der Moderne ist die grenzenlose Bejahung all dessen was unbekannt neu und fortschrittlich ist. Danach strebte man bis hin zur Selbstaufgabe. Die Industrialisierung und Technisierung hatte selbst den Kleinbürger und den Arbeiter erfasst. Wie berauscht vom Wind der Zukunft glaubte man sich immer wieder übertreffen zu müssen, sei es in der Technik, der Wissenschaft, in den sozialen Entwicklungen oder in der Kunst. Daher strebten nicht selten vor allem die Künstler nach den Wegen des Außergewöhnlichen, nach Großen Taten, abseits von rationalem Handeln. Kurzum: Es machte sich ein Gefühl, ein Pathos breit, dass nach Veränderungen strebte und bereit war hierfür über Leichen zu gehen. Aus dieser Haltung heraus folgte eine der größten Erschütterungen der Menschheit, die unglaubliche Folgen nach sich führte: Der 1.Weltkrieg. So groß die Kriegsbegeisterung dieser Tage auch gewesen sein mag, so gab es doch auch Menschen, die nicht vollständig dieser Hysterie unterlagen, auch wenn diese eindeutigen Antikriegsstimmen im Toben der aufgebrachten Menge verhallten. Unter Ihnen befand sich auch der Dichter Walther Rheiner, der wie viele Künstler nie ein politischer Akteur gewesen war. Doch diese Ereignisse sollten niemanden unberührt lassen. Das was den Expressionismus zu dem Macht, was er aus heutiger Sicht darstellt, wurde in den Schrecken des ersten Weltkrieges geboren: Die Kunstform einer überhitzten Gesellschaft, die einem hemmungslosen Selbstzerstörungstrieb nachgeht. Es gab wohl nicht viele Wege sich dem Werdegang des Soldaten als fronttauglicher Mann zu entziehen. Und die, die nicht mutig genug waren, sich an der Front selbst kriegsuntauglich zu machen ohne dabei verurteilt zu werden, sahen sich gezwungen andere Wege zu finden. Walter Rheiner entschied sich für eine Möglichkeit, die sein ganzes späteres Leben eingehend bestimmen sollte: KOKAIN.

Walter Rheiner und der Krieg

Dennoch machte auch Rheiner einige Erfahrungen an der Kriegsfront, die ihn wahrscheinlich in diesem Ausweg bestätigten. Nicht jeder bejahte den Krieg, vor allem nicht die, die ihn selbst erlebt hatten. Denn der Fortschritt der Industrialisierung zeigte sich vor allem auf dem Schlachtfeld. Neuartige Waffen, flächendenkende Zerstörung, Giftgas und Tod. Diese Erfahrung ist ausnahmslos an keinem Dichter dieser Jahre spurlos vorbeigegangen. Es werden Stimmen laut, die den Untergang der Welt verkünden, unter dem Bombenhagel, der auf sie niederregnet. Und auch Rheiner schreibt einen kleinen Prosatext, ganz in expressionistischer Manier, der den Schrecken des Krieges festhält. Aber Rheiner bedient sich hier einer nüchternen und dennoch ausdrucksstarken Sprache, die das Beschriebene nur noch anschaulicher machen. Diese „Drei Fragmente aus einer Kriegsnovelle“ lassen erahnen wie viel autobiographisches Material in ihm steckt. Hier ist von feurigen Bändern die Rede, die den Atem der Menschen zuschnüren, von Leichenduft und verhallenden Befehlen der Offiziere unterm brennenden Himmel. Man kann sagen, dass diese Erfahrungen den Dichter nachhaltig beeinflusst haben. Wenn er auch nicht in vielen seiner Texte den Krieg zitiert, so merkt man ihm und allgemein dem Zeitgeist diese verstörende Komponente an. Rheiner sucht Schutz vom Krieg. Er flieht nach Berlin, was seine zweite Sucht ausmachen wird: Die Großstadt. 

Drogensucht

Für ihn begann die Entscheidung gegen den Krieg, mit einer für eine Droge an dem auch viele weitere Größen der Kunst und Wissenschaft ihre Seele verlieren sollten (Beispiel Freud und das Kokain). Im Falle Rheiners kann man jedoch vielmehr von einer Entwicklung sprechen, die ihn zu dem machte, was seinen Nachlass ausmacht. „Sie“ gab ihm die Gedanken, die er in seinen Texten verfestigte. Sie war seine Triebfeder, die schließlich, den bedeutendsten Text seines Oevres ermöglichte. Und so wiedersinnig es klingen mag, möglichweise wäre aus ihm ohne diese Erfahrungen nie ein echter Dichter des frühen 20.Jahrhunderts geworden. Doch so sehr seine Kunst möglichweise zumindest zeitweise von diesen Erfahrungen zu profitieren scheint, so bitter scheiterte er am Leben selbst. In häufiger Armut lebend, zeugen auch seine zahlreichen Bittschriften und Briefe aus dem Nachlass von einem existenzbedrohten Dichter. Sogar an Walther Rathenau richtet er Bitten um etwas Geld zum Lebensunterhalt. Dort heißt es: „…gewähren Sie mir als einem jungen Berliner Dichter und Schriftsteller mit Familie (Frau und 2 Kindern) … Unterstützung … in größter wirtschaftlicher Bedrängnis.“ Seine Geldprobleme ziehen sich durch das gesamte Leben Rheiners.

Zerbrechen sozialer Beziehungen

Seine Frau Friedericke Olle, die er im Februar 1918 in Berlin heiratet, scheint sehr betroffen vom Schicksal ihres Mannes. Liebt ihn bis zuletzt mehr aus Mitleid. Die Anklagen ihrerseits am Lebenswandel Rheiners werden immer lauter: „Ich will dich nicht im geringsten kränken, aber wenn Du in Zukunft nicht wichtigere Werke schaffen würdest, so hätte ich zu viel von dir gehalten.“ Dieser Brief 1920 an Walter Rheiner-Schnorrenberg gerichtet, zeugt von der tiefen Kluft, die Rheiner in die Beziehung beider gerissen hat. Es ist ein harter Ton, ein anklagender. In den Jahren zuvor scheint sie noch ebenso zu leiden, unter der Sucht, die ihn plagt, unter seinem Misserfolg. Die Briefe dieser Zeit sind emotional, angespannt. In einem Tagebucheintrag schreibt „Fo“, wie Rheiner seine Frau liebevoll nennt: „… er sah eben so blaß aus und als er heute Abend nach Hause kam, fieberte er sogar, aber nicht allein vor Kummer, sicher ganz unabhängig davon…“. „Ich war lieb zu ihm, kühlte seine Stirn, wir sind noch böse zueinander und ich habe einen Stolz, der mir verbietet ihm näher zu treten…“. „Ich bin nicht mehr seine Fo.“ „Er sagte es ja vor ein paar Tagen klar … an meinem Buche hast du keinen Teil!“. Es sind die Worte einer verzweifelten Frau, die nicht weiß, wie sie ihm helfen kann. Seine Erfahrungen dieser Tage verarbeitet Rheiner im berühmten seiner Texte, dem er den Titel „Kokain“ gibt. In einer Art autobiographischer Manier lässt er einen verkommenen Burschen durch die Nacht Berlins irren, auf der Suche nach dem Glück, getröstet mit Kokain. Hier wird vor allem das Ausmaß deutlich, welches den Dichter längst erreicht zu haben scheint. Denn eines ist ganz klar, diese Worte sind die Worten eines erfahrenen Drogensüchtigen, die keiner Phantasie zu entspringen mögen. Auch wenn er sich nicht explizit als Person dieser Handlung bezeichnet, so ist es genau Rheiner, den man aus diesen Zeilen herausliest. Sein Schicksal, sein Leben. Die Worte sind tief zerreisend, emotional. Das Ende der Geschichte ist ein Selbstmord mit einer Pistole. In den Kopf geschossen, am Ende einer qualvollen Nacht voll Qualen durch den Entzug der Droge. Es ist das gleiche Schicksal, dass auch den Verfasser dieser Zeilen ereilen wird, nur dass er einen sanften Weg sucht. Es scheint als ob Rheiner hier eine Prophezeiung dessen liefert, was mit ihm unweigerlich passieren wird. Dieser Ton lässt sich ebenso aus dem Text herauslesen. Er schreibt in einer Gewissheit, die diese Erzählung genauso abschreckend wie faszinierend wirken lässt. Es sind die Worte eines Toten.


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7.8.14

40

Stilmittel des Expressionismus

Wer kennt sie nicht? Die 40 Stunden Woche. Sie hat jeden schon mal erreicht. Ich habe damals die ersten Erfahrungen gemacht, was es heißt jeden morgen 2 Stunden zur Arbeit und 2 Stunden zurück zu fahren. Anstrengend, aber man hat unglaublich viel Zeit zum träumen und lesen.

40 
Bus, Zug, Bahn. 
Rasende Häuser, gekrümmte Landschaften, schlafende Felder. 
Brücken, Tunnel, Graffiti, Tageslicht, 
ein Gähnen, zu helles Licht, 
ein Nachtrauern an die Wärme des Bettes. 

Hochhäuser, Autos, ein Mensch, 
wieder einer und so weiter. Bahnhöfe, 
der Geruch von Kaffee oder Alkohol, 
ein Lächeln, ein schönes Gesicht, 
ein schlafendes. Rolltreppe, Fahrtwind, 
Durchsagen, abschweifen. 
Stehen oder sitzen? 

Warten...Aufstehen! (Einfach liegenbleiben), a
nstellen, mitlaufen. 
Tür auf, Tür zu, 
Neonlicht, 
hinsetzen, 
arbeiten.

12.6.13

Nietzsche Rezeption in der Moderne

Nietzsche und die Moderne.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche erlangte zur Zeit der Jahrhundertwende eine Breite Aufmerksamkeit bei der Gesellschaft. Er war bekannt in den Bereichen Psychologie, Philosophie und Literatur. Um 1900 kann man geradezu von einer Pflichtlektüre Nietzsches sprechen. 
Thomas Mann, Bertolt Brecht, Robert Musil, Franz Kafka, Arthur Schnitzler, Gottfried Benn, alle kannten sie seine Werke. 
Nietzsche erreichte es, dass sich Themen aus Werken wie Also sprach Zarathustra zu regelrechten Kernmotiven der Literatur der Moderne entwickelten. Er predigt den Literaten die Unmoral, das Rauschhafte, den Vitalismus und den berühmten Übermenschen, der nach Macht strebt. Seine Werke haben nicht umsonst Hochkultur in der Moderne. Es sind Themen die den Nerv der Zeit treffen. Und das auch schon vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges. Ein großer Umbruch der gesellschaftlichen und persönlichen Werte hat während der Moderne durch den Pluralismus bedingt begonnen. 

Pluralismus.
Der Pluralismus ist die Erscheinung der Moderne, die ein Legitimationsproblem in der Gesellschaft entstehen ließ. Im Grunde ist der Pluralismus die Möglichkeit, sich gegenseitig teilweise ausschließende Ansichten nebeneinander existieren zu lassen. Es ist also möglich nicht nur eine Geisteshaltung einzunehmen. Man erkennt, dass die Welt eine Vielzahl von Perspektiven annehmen kann, je nachdem welche man wählt, sei es in Normen und Lebenseinstellungen, der Berufswahl, der Moral oder dem Verständnis der Welt an sich. Deshalb spricht man im Zusammenhang mit Nietzsche auch vom Tod Gottes. Sein Nihilismus propagiert eine Sinnlosigkeit des Lebens, das heißt die Frage nach dem eigentlichen Sinn des Lebens wird bereits als sinnlos in Frage gestellt. Vitalismus steht für das Lebensbejahende, das mag zunächst paradox erscheinen, es meint allerdings das Leben als Selbstzweck. Man lebt um zu leben eine Vorstellung wie Religion oder Gedanken über höhere Sinnzusammenhänge finden in dieser Ansicht keinen Platz.
Führt man eine solche weiter, ergibt sich, dass die endlose Zahl an verschiedenen Leben, die man führen könnte und Ansichten und Möglichkeiten wie auch scheinbare Zusammenhänge die sich ergeben, einfach nicht kontrollierbar sind. Es stellt sich die Frage, ob in einem Chaos, das aus willkürlichen Beeinflussungen besteht, überhaupt einen Zusammenhang aufweist. 


Identitätskrise.
Damit gerät die Persönlichkeit eines jeden einzelnen Menschen in die Kritik. Als Vergleich kann man hier erwähnen, dass man einem an Schizophrenie erkrankten Menschen unterstellt, nicht etwa eine Vielzahl neuer Persönlichkeiten herausgebildet zu haben, sondern dass die zahlreichen Persönlichkeitsfacetten, die jeder Mensch besitzt in ein Ungleichgewicht geraten sind, beziehungsweise in nicht mehr kontrollierbar sind. Der Mensch wird dadurch unfähig zu leben. 
In der Moderne gibt es Literaten, die im übertragenden Sinne in jedem Menschen der Moderne eine solche Form des Bewusstseins wiedererkennen. Exemplarisch sollte hier Gottfried Benn erwähnt werden, der mit seiner Arztfigur Rönne (Novellen: Gehirne) eine solche pathologische Lebenseinstellung nachzeichnet. 
Es gibt auch andere Wege diese Unbewusstsein des Sinns literarisch zu verarbeiten. Eine unnachahmliche Ausprägung dieser Darstellung der unbekannten Macht, die alles in der Hand hat, liefert Franz Kafka. In seiner Literatur scheinen die Geheimnisse des Lebens auf einer höheren Macht zu beruhen der wir unterliegen. Nicht im Sinne eines höheren Schöpfers, es ist eher eine Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber allen unbekannten Zusammenhängen, die ihn umgeben. Seine Figuren kämpfen dagegen an, verlieren oder resignieren. Einmal offenbart sich diese Machtlosigkeit gegenüber einer undurchschaubaren Bürokratie (Der Prozess), oder sie sitzt scheinbar in einem unerreichbaren Teil der Welt, der die Geheimnisse weder erkennen noch aufdecken lässt (Das Schloss). 

Der Chandos-Brief
Manche Schriftsteller gehen mit ihrer Skepsis so weit, dass sie an der Sprache an sich zweifeln. Kann die Sprache die Wirklichkeit überhaupt angemessen wiedergeben? Behindert möglicherweise die Erfassung der Welt durch die Sprache unsere Wahrnehmung? Man spricht hier auch von einer aufkommenden Sprachverzweiflung/Sprachskepsis. 
Der Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal gilt hier als literarisches Zeugnis des Gesamtproblems. Hier führt ein Brief von Francis Bacon an einen Lord Chandos zur Offenbarung der Krise. Ihm sei für sein literarisches Schaffen die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. Ein klagt über ein geistlos und gedankenloses Dasein. 


Sinnkrise in den Strömungen der Literatur
Diese macht sich in zahlreichen Werken der Literatur bemerkbar und nimmt ganz eigene Formen, je nach Strömung an. Die Dadaisten beispielsweise verwenden eine eigentlich Sinnentleerte Sprache durch Form- und Lautgedichte. 
Der Surrealismus beispielsweise ist Einstellung, die sich völlig der Willkür und dem Unbewusstsein hinzugeben scheint. Der Sinn wird hier im Unbewussten des Menschen gesucht. Ein Werk was in diesem Bereich große Aufmerksamkeit erlangt hat, waren die Theorien vom Psychologen Freud zum Unbewussten des Menschen. 
Der Naturalismus sucht die Zusammenhänge in der Natur des Menschen, in der Biologie wie auch den allgemeinen Umständen, die ihn beeinflussen. 
Der Expressionismus setzt sich in einer Weise mit dieser Krise auseinander, die diese Krise immer wieder zum Kernthema macht. Die Sinnlosigkeit wird als Verlust empfunden, aber ebenso als für die Moderne charakteristisch und natürlich. Ein Ventil wie auch Ausdrucksmittel hierfür ist die Form. Vor allem die Lyrik feiert im Expressionismus einen großen Aufstieg. 
In allen entstehenden Strömungen der Literatur experimentiert man mit neuen Perspektiven zur Findung einer neuen, den Umständen adäquaten Ausdrucksform.

Gedicht 1886 - Gottfried Benn


Im folgenden soll das Gedicht "1886" vom Expressionisten Gottfried Benn näher untersucht werden. Unter dem Aspekt auch allgemeingültige Aussagen über seine Lyrik und die der Moderne und dem Expressionismus zu treffen. [Leider kann ich das Gedicht selbst aus Urheberrechtsgründen nicht zur Verfügung stellen]
Das Gedicht von Benn entstand 1944. Zusammengefasst ist es eine Biographie. Die Formgestaltung bedient sich dabei der Collage, einer Form die bis dato in der Lyrik ungewöhnlich ist. Bevor ich auf den Text selbst eingehe, werde ich noch ein paar allgemeine Zusammenhänge und Rahmenbedingungen skizzieren.


Moderne sprengt lyrische Formen


Bis in die Moderne, die etwa um 1900 in Deutschland in der Literatur beginnt, überwiegen klassisches Pathos und strenge Formen die Literatur. Doch bereits der Naturalismus hat damit begonnen neue Formen in die strenge Lyrik vergangener Jahrhunderte einzuführen. Ein absoluter ist hier Arno Holz mit seiner "Revolution der Lyrik". Er forderte eine Annäherung an einen natürlichen Rhythmus der Sprache. Diese Vorstellung liegt beispielsweise der strengen Form des Sonettes fern. Hier werden Metrum, Reim und Strophenzahl streng vorgeschrieben. Man versuchte in der Moderne sich von Formen wie dieser abzuwenden. Die Begründung dafür liegt ihm neuen Lebensgefühl der Moderne. Sie versteht sich als eine vorwärtsgewandte Lebenshaltung, die den absoluten Anspruch an das Leben in der Gegenwart stellt. Konzepte wie die Formsprache des Mittelalters oder der Antike ließen sich damit nicht vereinbaren. 

Neue Formen


So entdeckte die Moderne eine Menge neuer Formen für sich. Man experimentierte und es bildeten sich im Wesentlichen zwei Lager heraus. Die rückwärtsgewandten Renaissancen, die nicht so recht mit der Vergangenheit brechen wollten. Sie versuchten alte Formen in die Gegenwart zu übertragen. Ein Beispiel hierfür sind beispielsweise die Anhänger des Symbolismus. Bei diesem Lager der Autoren handelt es sich zwar dem Inhalt nach um moderne Literatur. Die Form nimmt aber Bezug auf vergangenes. Diese Haltung wurde von den konsequent modernen Autoren verächtlich als Epigonentum bezeichnet. Nach ihrer Ansicht lassen sich Geisteshaltungen der Klassik und Antike nicht mehr in der Moderne nachweisen. Die Folge sei eine Delegitimierung von Form und Inhalt. Eine Literatur, die dies nicht akzeptiere kann damit keine reale sein. Sie verliert sich im Nachhängen an der Vergangenheit. Dies wird unter anderem dem Symbolismus in gewisser Weise vorgeworfen.
Die Avantgarden versuchten stattdessen den absoluten Modernismus auszuleben und alles neue zu probieren. Auch die Form der Collage wie in diesem Gedicht Benns ist ein solcher Ausdruck dieses Modernismus. 

Form Gottfried Benns 1886

Es handelt sich beim Gedichts Benns um ein Montagegedicht. Es setzt sich aus Textteilen einer Zeitung zusammen. Doch die Textteile stehen in keinem willkürlichen Verhältnis zueinander. In ihrer Gesamtheit und Konstellation geben sie die Ereignisse des Geburtsjahres Gottfried Benns wieder. Dadurch, dass Benn diese Texte quasi aus zweiter Hand nimmt, entziehen sie sich der Subjektivität. Was nicht bedeutet, dass sie nicht expressiv sein können. Es handelt sich damit um eine erlebnishafte Schilderung der Umstände um Benns Geburt im Jahr 1886. Der Bruch mit der Vergangenheit ist überdeutlich. Was zuvor als durchkomponiertes Gesamtkunstwerk erstrahle, wird hier auf den Inhalt einer Zeitung reduziert. 
Auffallend ist jedoch der Eingang des Gedichtes. Er beginnt mit der Schilderung allgemeiner Sachverhalte wie dem Wetter. Denkt man hier an die Lyrik des Mittelalters mit ihren Natureingängen in der Minnelyrik so lassen sich möglicherweise Parallelen entdecken. 
Die Leistung ein Gesamtkunstwerk entstehen zu lassen wird in diesem Gedicht scheinbar nicht  mehr vom Autor selbst vollbracht, sondern vom Leser. Er stellt assoziativ und semantisch einen Zusammenhang zwischen den Textzeilen her. Damit steht sich in der Form der Gegensatz von Heterogenität und Homogenität gegenüber. Dabei werden auch Effekte der Ironie erzeugt, wenn bestimmte Zeilen des Gedichtes aufeinander treffen.


Weiteres über Benn

Benn gehört zu den interessantesten Expressionisten der Literatur. Er war einer der wenigen Autoren, die auch nach dem Jahrzehnt des Expressionismus etwa 1910 bis 1920 weiter experimentierten, als andere Autoren die Strömung bereits als ideologisch überholt aufgaben. Er gilt als der Entwickler der "absoluten Prosa". Dabei handelt es sich um eine Verwendung der Sprache, die in der Lage ist sich eigene Konstrukte zu schaffen, eine eigene Welt wenn man so will, in der alles so logisch, geschlossen und widerspruchsfrei ist, wie das Individuum sich dies für den Aufbau einer konsistenten Identität erhofft. Damit ist er einer der Autoren, die sehr aktiv an der Gestaltung moderner Lyrik mitgewirkt haben. Auch im Bereich der Epik, die von Expressionisten relativ selten bearbeitet wurde, gilt er als ein Wegbereiter moderner Erzählkunst. Besonders hervorheben möchte ich die Novellensammlung "Gehirne" auf die möglicherweise noch eingegangen wird.

19.5.13

Moskau - Sergei Alexandrowitsch Jessenin



Mein treuer Hund, du liegst schon unterm Grase. 
Längst unbewohnt, bist du mein Vaterhaus. 
Ja hier, in Moskau, auf der Straße, 
Hauch ich, wenns Gott will, meine Seele aus. 

Ja, ich lieb Moskau, diese Stadt: verquollen.
Und versumpft, nun ja, und matt. 
Moskau, so schläfrig und so golden, 
Wie deine Kuppeln, bist mir Ruhestatt. 

Ich gehe nächtens unterm Monde, 
In seinem Licht wie Teufelsschein, 
und torkle durch die Gasse, die gewohnte. 
In meiner Kneipe kehr ich ein.

Laut geht es zu in meiner Kneipe, 
und nachtlang, bis es Morgen wird, 
les ich den Huren vor, das was ich schreibe, 
mit Gaunern gönne ich mir Sprit.

Mein treuer Hund, du liegst schon unterm Grase. 
Längst unbewohnt, bist du mein Vaterhaus. 
Ja hier, in Moskau, auf der Straße, 
hauch ich, wenns Gott will, meine Seele aus.


Von einem der auszog, in die großen Städte

Dieses Gedicht vom russischen Poeten Есенин (Jessenin auf Wikipedia) zeigt deutlich die Kluft, die zwischen dem Leben in der Großstadt und dem auf dem Lande klafft. Während das Landleben geprägt ist von Ruhe und Geborgenheit, sammelt das lyrische Ich in dem Gewimmel der Großstadt Moskau Erfahrungen, die fernab seines alten Lebens liegen. Wenn von der Heimat die Rede ist, spricht es vom Vaterhaus, dem treuen Hund und seinen Wurzeln. Doch es verlässt diese Heimat. Im weiteren Verlauf wird die Entscheidung des lyrischen Ichs, diesen Hort zu verlassen, immer unsinniger von Seiten des Lesers. Denn anscheinend erfährt es in Moskau ein Leben, das in seiner Form neuartig ist, aber keine Zukunft hat. Hier wird von Exzess und Rausch berichtet, von Spelunken und Ganoven. Den Reiz den diese Stadt ausstrahlt, scheint überwältigend zu sein. In der zweiten Strophe, die damit beginnt, sie in groben Zügen darzustellen, ist von einer "Ruhestatt" die Rede. Ein Begriff, der zunächst nur implizieren mag, dass es dem lyrischen Ich hier gut geht, weil es davon ausgeht, hier bis zum Ende seines Lebens zu verweilen.
Die Faszination die von der Stadt ausgeht, mit ihrem Sumpf voll Lastern und Gefahren, ist dabei absurderweise neutral bis positiv konnotiert. In keiner Verszeile ist zu erkennen, dass das Individuum den einhergehenden Verlust der alten Identität, den Tausch von Heimat und Leben gegen Untergang, in irgendeiner Form zu bedauern scheint. Es spricht hier eine Stimme, die man dem Pathos der Jahrhundertwende zur Zeit der Urbanisierung zuordnen kann. Zwar handelt es sich um kein Gedicht des Expressionismus, aber definitiv um einen Vorreiter, was das Gefühl betrifft und natürlich auch in der Wahl des Großstadtmotivs,  das im Expressionismus seinen Ausdruck gefunden hat.



Zum Leben des Autors

Auch der Dichter selbst, scheint eine zerrissene Persönlichkeit besessen zu haben. Er starb am 28. Dezember 1925, auf unnatürliche Weise, in einem Moskauer Hotel. Die Umstände seines Todes sind derart zwiespältig, dass sich mittlerweile Mythen rund um seine Person ranken. Das stalinistische Russland war bestrebt, die Umstände seines Todes aufzuklären. Sogar der KGB arbeitete an diesem Fall. Die gesuchten Schuldigen wurden auch gefunden, dennoch lässt die Arbeitsweise, die im roten Russland vom Geheimdienst gepflegt wurde, alle Zweifel offen. 
Der Selbstmord des Autors scheint sehr wahrscheinlich, da er diesen mehr als einmal in seinen Gedichten ankündigte. Dieses und andere Gedichte sind oftmals Zeuge seiner eigenen Biographie geworden. Der Selbstbezug ist groß. Wie in russischer Literatur üblich, wie ich finde, bringen seine Texte viel Leidenschaft und Emotion zum Ausdruck. Diese Eigenschaft, die man den Russen nachsagt, ist geradezu stilisiert worden. Man spricht von der "geheimnisvollen russischen Seele". Selbst in der Forschung der Kulturwissenschaft hat diese These Niederschlag gefunden. Ein russischer Politiker soll mal gesagt haben, der Mythos der russischen Seele sei eine Ausrede zur Rechtfertigung von Melancholie und Trinksucht. 
Nichtsdestotrotz spricht Jessenin eine emotionale und pathetische Sprache, eine die für den deutschen Expressionismus der 20er typisch geworden ist. Ein Aufschrei des Leides und ebenso eine Passivität desselben. Wenn nicht sogar ein aktives Ausleben leidvoller Erfahrungen. Man spricht hier ja auch oft von der Ästhetik des Hässlichen in der Moderne. Denn das Bild, das Jessenin hier zeichnet ist nicht positiv. Es schmerzt ihn, ohne dass er bestrebt ist, dagegen anzukämpfen. 

Wer mehr über den Autor und die näheren Umstände seines Lebens lesen möchte, sollte Planetlyrik besuchen.



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Lyrik für alle - Sergei Alexandrowitsch Jessenin


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11.3.13

Kopulation I


Kopulation
 I

Seufzend beben, heischen Blicke |
Finger suchen Spitzen heiß |
Ballen rufen nach Erhöhung, zögernd |

Bisse führen Augen |
an den glutumworbnen Mund |
rauschende Begegnung |
Bewegung polternd |

stundenvollste Augenblicksgeschenke |
hasten |
streifend durch Gebällk |
in dem erwartend Säfte |
schmoren |
um im Dampf verlorn’ zu gehn |

reifend ruhen müde Hände |
nicht Blicke fordernd |
aber seichte Flucht |

und blitzend zucken schwere Tritte |
einig rinnend in die Bucht |


12.11.11

Berliner Abend - Paul Boldt



Berliner Abend
Spukhaftes Wandeln ohne Existenz!
Der Asphalt dunkelt und das Gas schmeißt sein
Licht auf ihn. Aus Asphalt und Licht wird Elfenbein.
Die Straßen horchen so. Riechen nach Lenz.

Autos, eine Herde von Blitzen, schrein
Und suchen einander in den Straßen.
Lichter wie Fahnen, helle Menschenmassen:
Die Stadtbahnzüge ziehen ein.

Und sehr weit blitzt Berlin. Schon hat der Ost,
Der weiße Wind, in den Zähnen den Frost,
Sein funkelnd Maul über die Straße gedreht,
Darauf die Nacht, ein stummer Vogel, steht.

(1914)


Suche nach dem Ich
In diesem Gedicht von Boldt fällt auf, dass es sich um ein Gedicht ohne Ich handelt. Das Subjekt wird hier vollkommen ausgeklammert. Es werden vielmehr Eindrücke beschrieben, die das lyrische Ich hat, ihnen aber passiv gegenübersteht und sich hier mit einer Wiedergabe derselben, freilich in subjektiver Weise, begnügt. Diese Machart ist typisch für den Expressionismus, aber auch für viele andere Werke, die in der Moderne entstanden sind. Der Grund für die Ausklammerung des Ichs liegt in der Ansicht der Machtlosigkeit des Einzelnen im Angesicht des Pluralismus und der Zertrümmerung jeglicher Identität. Diesen Umstand kann man in fast jedem Gedicht mit dem Großstadtmotiv wiederfinden. Der Mensch ist nicht mehr in der Lage sich zu erkennen. Die Welt ist undurchsichtig geworden und auch das Ich hat erkannt, dass die Vorstellung vom geschlossenen Selbst eine erfundene ist. Fragt man nach den Gesetzen, den vermeintlichen Regeln des Lebens und der Identitätsbildung, bemerkt man dass man sich in einer Scheinwelt bewegt hat. Und das ganze Konstrukt beginnt zu kippen, die Häuser stürzen ein, es nimmt apokalyptische Züge an. Schon die Eingangszeile des Gedichts verdeutlicht dies. Es ist ein Wandeln ohne eigentliche Existenz, das was man glaubte was ist, existiert nicht. Im weiteren Verlauf finden wir eine Gleichsetzung der Großstadtästhetik mit der Natur, das heißt die Stadt erscheint hier als natürlich, gegeben, vorhanden und wird zum Lebensraum, dem sich der Mensch ebenso wenig wie den Gewalten der Natur widersetzen kann.

10.9.11

Laternentraum

Laternentraum 

 Hört man in der Nächte Stille |
Gelächter an der Menschheit Schlund || 
Wie sich Gespräche wiederkehrend |
verwirrend schlagen, in langen Straßen || 

 Dem Schatten weichend |
stellt sich Kälte ein |
um im Rausche glühend | 
zu vergehn || 

In der Ruhe Druck wartet Enttäuschung |
wie ein gelbes Band | 
das wandernd durch den Duft der Zeit |
 leuchtend, im Mondlicht kreuzend | 
streifend zieht ||

 Unter dickem Eise bricht ein Tanz aus dem Gewölk heraus ||
Die Gänge ewig lang, geblendet |
von Freude kreischend fliehn ||
 Der Uhren sanftes schrillen |
drückt in Schlaf und Träumerei | 
Und der Aufstieg treibt den Müden | 
in die Arme des Schlafenden ||

9.8.11

Choral vom Baal - Bertolt Brecht



Choral vom Manne Baal

1
Als im weißen Mutterschoße aufwuchs Baal,
War der Himmel schon so groß und still und fahl
Jung und nackt und ungeheuer wundersam,
Wie ihn Baal dann liebte, als Baal kam.

2
Und der Himmel blieb in Lust und Kummer da,
Auch wenn Baal schlief, selig war und ihn nicht sah:
Nachts er violett und trunken Baal,
Baal früh fromm, er aprikosenfahl.

3
In der Sünder schamvollem Gewimmel
Lag Baal nackt und wälzte sich voll Ruh:
Nur der Himmel, aber immer Himmel,
Deckte mächtig seine Blöße zu.

4
Alle Laster sind zu etwas gut
Und der Mann auch, sagt Baal, der sie tut.
Laster sind was, weiß man, was man will.
Sucht euch zwei aus: eines ist zuviel!

5
Seid nur nicht faul und so verweicht,
Denn Genießen ist bei Gott nicht leicht!
Starke Glieder braucht man und Erfahrung auch:
Und mitunter stört ein dicker Bauch.

6
Zu den feisten Geiern blinzelt Baal hinauf,
Die im Sternenhimmel warten auf den Leichnam Baal.
Manchmal stellt sich Baal tot. Stürzt ein Geier drauf,
Speist Baal einen Geier, stumm, zum Abendmahl.

7
Unter düstern Sternen in dem Jammertal
Grast Baal weite Felder schmatzend ab.
Sind sie leer, dann trottet singend Baal
In den ewigen Wald zum Schlaf hinab.

8
Und wenn Baal der dunkle Schoß hinunterzieht:
Was ist Welt für Baal noch? Baal ist satt.
So viel Himmel hat Baal unterm Lid,
Dass er tot noch grad gnug Himmel hat.

9
Als im dunklen Erdenschoße faulte Baal,
War der Himmel noch so groß und still und fahl,
Jung und nackt und ungeheuer wunderbar,
Wie ihn Baal einst liebte, als Baal war.


(aus dem gleichnamigen Drama: Baal, des jungen Brechts.)


Rausch und Vitalismus!
Das vorliegende Gedicht stellt eine Art Zusammenfassung der Handlung in Bezug auf das Drama Baal dar. In der zweiten Fassung des Dramas ist es dem eigentlichen Stück vorangestellt um als Verfremdungsmittel den Zuschauer zu irritieren. Denn es nimmt die Handlung des folgenden Dramas vorweg. Es wird daher hier auch ein wenig auf das Drama einzugehen sein, obwohl man es als eigenständiges Gedicht betrachten kann.
Der Verfremdungseffekt im Baal ist Teil der späten Theorie vom epischen Theater. Das Gedicht verkörpert eine Lebenseinstellung, die vor allem dem Autor Brecht selbst sehr nahe kommt. Das gefiel mir. Es handelt sich also um ein sehr persönliches Gedicht. Überhaupt ist Brecht in seinen ersten Werken noch sehr selbstbezogen, man möchte fast sagen ein egomaner Egoist. Aber, diese Tendenz kann man bei sehr vielen jungen Autoren beobachten. Sein Schreibstil kennt keine Tabus (man denke hier an das Gedicht vom Abort; auch im Baal zu finden) und doch schwebt er in Sphären, die so weit weg liegen, von bloßer Schwärmerei und Trivialität. 
Das Gedicht vermittelt ein lebensbejahendes Gefühl, ein Alles-auskosten-müssen. Und trotz des hier anklingenden Vitalismus, wird auch das Nichts der Existenz spürbar. Ein Anklang an den Nihilismus, als dessen Vater der Philosoph Friedrich Nietzsche angesehen wird. Das äußert sich beispielsweise in der zweiten Verszeile. Auch als Baal aufwuchs existierte der Himmel schon. Es war alles schon da. Er wird dazu weder etwas beitragen, noch wird er die Welt wie sie ist, beeinflussen können. 
Weiterhin klingt eine besondere Innigkeit zur Natur an, die im Drama selbst noch oft auftaucht. Wie beispielsweise der unerklärliche Kult, den Baal um den Wald macht. Es ist eben das Tier und die Natürlichkeit, der Trieb, den Baal verkörpert. Etwas menschliches, das doch jeder in sich trägt. Das ist, was Brecht hier zum audruck bringen will. Indem er dem Drama Baal den Untertitel: "Baal frisst! Baal tanzt!! Baal verklärt sich!!!" anhängt. Und obwohl es eine Magie der Natur gibt, von der Baal sich angezogen fühlt, bleibt er ihr gegenüber eher distanziert. 
Überhaupt tut Baal wonach ihm der Sinn steht. Er lebt den konsequenten Vitalismus, der sich hier vor allem in einer Art Gleichgültigkeit gegenüber allem fremden manifestiert. Das was anderen Menschen hier als Sünde zugesprochen wird und kein Teil von gesellschaftlicher Sitte ist, ist für Baal Normalität. Konventionen und Normen interessieren ihn nicht. Das was die Allgemeinheit als Laster betrachtet, ist für ihn nur eine Form zu leben. Denn Leben gestaltet sich nach seinen Vorstellungen nur durch das Streben nach Befriedigungen, ganz egal welche moralischen Vorstellungen der Gesellschaft versuchen dies zu reglementierten. 
Trotzdessen, dass hier schon auf eine gewisse nihilistische Lebenseinstellung vertreten wird, leugnet Baal nicht die Anwesenheit Gottes. Aber genau genommen ist er es selbst, den er für Gott hält. (Baal bedeutet in der Übersetzung Gott oder Herrscher). Er verhöhnt Gott und die, die sich was aus Glauben machen. Selbst der Tod kann ihn nicht beeindrucken, er wird hier im Gedicht durch die Geier symbolisiert.  Auch nachdem Baal tot ist, wird wieder ein Hinweis auf das Nichts von dem die Welt durchdrungen ist, gegeben. Denn Baal war einst, er liebte, er war nackt, doch nun fault er ebenso. Und der Himmel existiert noch immer. Auch ohne Baal. Vom Stil her ist es schwierig zuzuordnen. Der frühe Brecht bewegt sich noch im vom Expressionismus beeinflussten Metier. Kann aber mit der Weltanschauung der Expressionisten, die dem Verlust der Identität und des Sinns nachtrauern nichts anfangen. Das Leben ist selbstzweck. So könnte man die hier vertretene Einstellung zusammenfassen. Später nähert sich Brecht dem Stil der Neuen Sachlichkeit. Er bewahrt sich aber immer seinen Brechtschen Stil, der immer wieder für Überraschungen bekannt ist, und weder Hohn noch Kritik scheut.[1][2]
Der späte Brecht entfernt sich also immer mehr vom Pathos der Expressionisten. Auch das Drama Baal sollte bereits ein Gegenentwurf zum Pathos des Expressionismus werden. Jedoch finden sich viele Stilmittel des Expressionismus in diesem Drama. 

Mittlerweile existiert auch eine Hörfassung sowie ein Film jeweils von Mathias Schweighöfer. In jedem Fall hörens- wie sehenswert.




[1] Damm, Benjamin: Baal und das Epische Theater. Grin 2011.
[2] Müller, Klaus-Detlef: Bertolt Brecht. Epoche - Werk - Wirkung. München: Beck 1985. S.90-99.

Gott der Stadt - Georg Heym


Der Gott der Stadt

1. Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.2. Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.3. Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit4. Die letzten Häuser in das Land verirrn.5. Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,6. Die großen Städte knien um ihn her.7. Der Kirchenglocken ungeheure Zahl8. Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.9. Wie Korybanten - Tanz dröhnt die Musik10. Der Millionen durch die Straßen laut.11. Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik12. Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.13. Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.14. Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.15. Die Stürme flattern, die wie Geier schauen16. Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.17. Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.18. Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt19. Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust20. Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt.


Die personifizierte Großstadt

Dieses Gedicht ist glaube ich das bekannteste von Georg Heym und gehört zu den Vorzeigegedichten der Großstadtlyrik des Expressionismus. Das Motiv der Großstadt wächst zur Personifikation in Form einer gottesgleichen Figur an. Die Umstände unter denen dieses Gedicht entstand, sind dieselben wie bei allen Expressionisten, die das Großstadtmotiv verwenden. Die Technisierung der Gesellschaft, die bahnbrechenden Entdeckungen in der Wissenschaft, besonders in der Medizin, beispielsweise die Psychoanalyse Freuds, haben die Menschen verunsichert. Eine Entwicklung die in der Vergangenheit locker Jahrhunderte brauchte, vollzog sich zur Zeit der Jahrhundertwende binnen weniger Jahre. Für die Menschen war das ein gewaltiger Fortschritt, doch gleichzeitig wurde dieser Fortschritt von Gefühlen der Angst und des Kontrollverlustes begleitet. Ebenso wie es heute Science-Fiction-Filme gibt in denen Roboter das Denken der Menschen übernehmen. Die Tendenz in Richtung solcher Weltuntergangsszenarien ist steigend. Denn Themen wie der schnelle Fortschritt und das Übersteigen der bisherigen Möglichkeiten ist ein Thema, das bis heute hochaktuell geblieben ist. In diesem Kontext entstand dieses Gedicht, das geradezu programmatisch wirkt. Dem Menschen ist die Welt außer Kontrolle geraten, sie entzieht sich seiner Vorstellungskräfte. Diese Übermacht manifestiert sich hier in Form eines Gottes. Denn das Wort Baal ist ein hebräisches Wort für Gottheit. Ebenso wie Gott in der Religion, lenkt dieser Gott den Menschen der Großstadt. 



Mit Worten Bilder malen


Was am Expressionismus besonders eindrucksvoll wirkt, sind seine Bilder. Die Thematik dreht sich oft um Untergang und Apokalypse. Das kann auch zur Nebensache werden. Viel stärker ist die Bildhaftigkeit. Diese resultiert aus der Magie der Worte, einer eigenen Poesie, die nicht unbedingt verstanden werden will. Es genügt, das Bild was sich im Moment des Lesens formt, in sich aufzunehmen. Das Erleben steht hier im Vordergrund. Ein Gedicht wie dieses ist dafür ein großartiges Beispiel. Aber das gilt für den Großteil der expressionistischen Lyrik. Die Poesie geht teilweise so weit, dass die verwendeten Worte so fremd sind, dass man sie tatsächlich nicht mehr versteht, dies gilt vor allem für Gottfried Benn. Das heißt die Bedeutungszuschreibung geht so weit ins Abstrakte, dass sie schlichtweg nicht mehr fassbar ist.


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